Corona-Tagebuch

 

Ethik, erster Versuch                       8. April 2020

In der Frühphase der Covid-Pandemie gingen die Niederlande, das Vereinigte Königreich und die USA einen anderen Weg als das kontinentale Europa. Man wollte über eine Herdenimmunität das Virus einzudämmen und schränkte das öffentliche Leben zunächst nicht ein. Dafür war man gegen den Rat der Epidemiologen auch bereit, eine erhöhte Zahl von Todesopfern in Kauf zu nehmen. Einige philosophisch versierte Kommentatoren deuteten diese Strategie als eine, die von utilitaristischer Ethik motiviert sei. Der Utilitarismus ist die herrschende ethische Doktrin der angelsächsischen Zivilisationen.

Mit dem Utilitarismus sind vor allem zwei Namen aus dem 18. und dem 19. Jahrhundert verbunden: Jeremy Bentham und John Stuart Mill. Seine Bezeichnung leitet sich vom Lateinischen  utilitas = Nützlichkeit ab, und tatsächlich identifiziert der Utilitarismus über weite Strecken das Gute mit dem Nützlichen. Seit Bentham und Mill haben ihn andere Moralphilosophen beständig weiterentwickelt, haben an Korrekturen gefeilt, um seine Defizite auszubessern, die er offenkundig hat: Defizite an Gerechtigkeit, Defizite aber auch im Menschenbild. Sie gehen sofort auf, wenn man seine Grundformel betrachtet, die auf Bentham zurückgeht: politisches Handeln sei geleitet vom Prinzip des größten Glücks für die größte Anzahl von Bürgern. Das rechtfertigt Opfergänge der Wenigen für das Glück der Vielen. Tote für das blühende Leben. Allerdings hat selbst Bentham sehr schnell erkannt, dass eine Formel mit zwei qualitativ so verschiedenen Faktoren – Glücks- und Verbreitungsmaximierung – nicht zielführend sein kann, und auch spätere Utilitaristen haben weitere Mitspieler eingeführt wie Regeln und Präferenzen. Und so hat sich der Utilitarismus zu einem einflussreichen ethischen Konzept entwickelt, dessen Stärken in seiner Anschlussfähigkeit an politisches Handeln liegen.

Doch zurück zum angelsächsischen Sonderweg in der Frühphase der Epidemie: die kontinentalen europäischen Staaten haben relativ früh die freiheitlichen Grundrechte eingeschränkt. Dahinter stand und steht die ethische Grundüberzeugung, dass jeder Tote einer zu viel ist. Sie wurzelt tief in zwei ethischen Konzeptionen, die miteinander verbunden sind: in der christlichen Ethik der Nächstenliebe und in der Kantischen Ethik der Menschenwürde, die es verbietet, Leben gegen Leben quantitativ gegeneinander aufzurechnen.  Der Mensch, so äußert Kant apodiktisch, sei keine Ware, sondern Zweck an sich selbst. Wirtschaft oder Leben, in dieser Alternative obsiegt das Leben.

Es dauerte nicht sehr lange, bis der anglo-amerikanische Sonderweg angesichts rapide steigender Infektions- und Todesraten aufgegeben wurde. Die britische, holländische und US-amerikanische  Regierungen mussten vor dem Druck der öffentlichen Meinung kapitulieren und – bestärkt durch die nüchternen mathematischen Exponentialgleichungen – ihren Kurs ändern. Seitdem scheint die Weltgesellschaft mit wenigen Ausnahmen wie Südkorea und Schweden nur noch einen Weg zu präferieren: die radikale Einschränkung der Freiheitsrechte bei Hochschätzung des einzelnen Lebens. Das ist in Kenia nicht anders als in Indien oder Südafrika.

Die Weltgemeinschaft hat sich offenkundig für den Primat des Lebens über die Freiheit entschieden, allen kulturellen Unterschieden zum Trotz. Ob die Gesellschaften nun hinduistische,  islamische, christliche oder welche weltanschauliche Grundierungen auch immer haben, in der Weltkrise ticken sie alle ähnlich und stellen den Wert des einzelnen Lebens über das gesellschaftliche Leben. Man muss, um die Eindrücklichkeit dieser transnationalen Einigkeit wirklich zu begreifen, von dürren Worten abheben und gleichsam im Drohnenflug über die großen Boulevards und Plätze der Weltstädte fliegen. Es ist, als ob die Menschheit verschwunden wäre. Ist all das nicht ein eindrücklicher Beweis dafür, dass sich die Weltgemeinschaft unisono einig ist über den Wert des Lebens?

Dieses Bild ist allerdings zu schön, um es bedenkenlos teilen zu können. Dagegen sprechen die blutigen Konflikte, weltweit werden für 2019 insgesamt 27 Kriege und bewaffnete Konflikte gezählt. Weshalb misst die Menschheit den Wert des Lebens mit doppeltem Maß?

Die Corona-Pandemie lässt die Bedrohung unterschiedslos für jeden Einzelnen spürbar werden. Die Kriege hingegen sind die der anderen. Das stimmt so zwar nicht, denn über unsere Interessen sind auch wir am Leid der anderen mitursächlich beteiligt. Aber es sind eben lange und unüberschaubare Ketten, die wir ausblenden können. Dagegen berühren die Bilder und Videos vom hektisch-verzweifelten Alltag einer Klinik in Bergamo oder New York unser moralisches Empfinden ganz unmittelbar. Wenn wir uns von dort die Ereignisse auf das  Display unsrer Mobilgeräte schicken lassen, dann steckt darin zudem auch die Botschaft: »Das könnte uns ebenfalls bevorstehen«.  Die Medien und die öffentliche Meinung machen uns covidoid, und weil in digitalen Zeiten jeder Empfänger auch zugleich ein Sender ist, erfährt die öffentliche Meinung eine ungeheure monothematische Dynamik, in der sich alles um Tod und Leben dreht. Sie treibt Regierungen und Bevölkerungen vor sich her, es ist ein mediales Geschehen, das die Menschheit moralisch einstimmig handeln lässt – wenn man vom Verteilungskampf von Masken und Schutzkleidung einmal absieht, der mit harten Bandagen geführt wird. Autoritäre Regierungen haben deshalb folgerichtig genau hier, am Hebel der Informationskanäle, angesetzt mit frisiertem Zahlenmaterial, um Panik in der Bevölkerung nicht aufkommen zu lassen. Denn Panik kann eine Gesellschaft aus den Angeln heben.

Das schöne Bild eines weltumspannenden moralischen Konsenses hat also einige Kratzer. Dennoch: Die tiefe Weltkrise lässt die Menschen moralisch näher zusammenrücken. Und wenn es gelingt, in Nach-Corona-Zeiten die Einsicht zu bewahren, dass wir das Virus nur durch gemeinschaftliches Handeln besiegt haben, dann könnte daraus eine neue Welt entstehen.

 

 

 

Mit den Verlusten leben lernen         4. April 2020

Vor einigen Tagen war ich in heller Aufregung. Was, wenn mir meine wirtschaftliche Existenz zusammenbricht? Ich bin im touristischen Sektor tätig und muss nun reihum meine philosophischen Reisen absagen, ein Ende ist derzeit nicht absehbar. Seitdem lebe ich von meiner Altersvorsorge, Solo-Selbständigkeit ohne Auffangnetz. Wie soll ich meine beiden Kinder, die in der Ausbildung stehen, weiter finanzieren? Wie meine Miete aufbringen? Nervös und von Existenzängsten geplagt hing ich vor den Infektions- und Todesstatistiken.

Doch dann begriff ich, dass ich lernen müsse, mit Verlusten zu leben. Bislang ging es ja immer aufwärts, langsam zwar, aber ich konnte und durfte auf meine Fähigkeiten vertrauen. Mit Verlusten leben zu lernen, das wird, so denke ich, eine soziale Kompetenz für uns alle sein, die wir einüben müssen. Dabei gilt es, den Schalter umzulegen, von oben nach unten. Und selbst wenn der eine oder die andere dank größeren Vermögens den Kopf aus der Schlinge ziehen kann – unsere Kinder, Enkel, Urenkel und  andere noch Ungeborene werden auf kleineren Füßen stehen müssen. Aber das kann uns eigentlich nichts Neues sein. Denn unser Planet hat nun einmal begrenzte Ressourcen, meine Generation hat sie über Gebühr strapaziert, und nur die radikalsten Technik-Nerds glauben, dass es uns gelingen könne, mit immer ausgefeilteren Erfindungen Wohlstand und Mobilität weiter zu steigern und aus unserem Gestirn ein perpetuum mobile zu machen.

Doch bis gestern konnten wir uns damit abfinden, dass die Ozeane langsam steigen, und mit frivolem Zynismus konnten wir uns damit trösten, dass wir uns mit Euro, Dollar Renminbi und Yen weiterhin unsere Anteile an den sinkenden Ernteerträgen schon sichern werden. Die Verknappung schien eher ein Problem der anderen zu sein, der Latinos, der Afrikaner, der Inder. Oder eben auch des Prekariats. Doch jetzt addieren sich die gravierenden Systemfehler in einer Geschwindigkeit auf, die das exponentielle Wachstum der Infektionen noch überschreitet. Die US-amerikanische Arbeitslosenkurve gibt uns einen Vorgeschmack darauf, was die Industrienationen binnen Kürze erwartet.

Das System erleidet gerade einen Burn-Out. Und jede umsichtige Burn-Out-Patientin muss sich neu austarieren auf Leistung und Erfolg, denn ihr sind ihre eigenen energetischen Grenzen aufgezeigt. Sie hat sich verausgabt, sie hat über ihre Verhältnisse gelebt. Und dabei hat sie ihr eigenes Selbstverhältnis vernachlässigt. Jetzt wird sie sich auf andere Werte hin orientieren. Sie wird lernen, die Verluste, die sie auf der einen Seite erleidet, mit anderen Gewinnen zu kompensieren. Und vielleicht sind die Gewinne gar größer als die Verluste. Die Definitionsmacht liegt bei uns. Das eine, das sind die Werte unserer Immobilien und Anlagevermögen, unseres Konsumverhaltens und des darüber konjugierten sozialen Prestiges. Das andere ist ein lebenswertes Leben, das über die eigene Biographie hinausgreift und Leben überhaupt meint: Begegnung, Solidarität und Mitgefühl, Stunden tiefer, wertvoller Freude über die Ausdruckskraft und Vitalität unserer Mitbürger, Verantwortungsbereitschaft auch zum fernen Anderen, sei es Mensch, Tier oder Pflanze. Sich am wertvollen Strom des Lebens zu erfreuen und nicht an den monetären Beständen. Mehr Sein und weniger Schein. Dies und vieles mehr wäre zu nennen, die Narrative dafür sind bewegender, berührender als die Verluste, mit denen wir nun umgehen müssen.

Aber, wird man einwenden, drohen nicht auch schmerzhafte Verluste auf Seiten der Kultur? Theater werden schließen müssen, kleine Orchester werden sterben, experimentelle Bühnen, avantgardistische Kunst und lokale Kulturvereine, in denen mit schmalem Budget Bürger sich ehrenamtlich für ihre Mitbürger engagieren, Kaffee und Kuchen aus heimischer Küche mitbringen für das kulturelle Sonntagsbrunch . Vielleicht aber werden ja diese Formate überleben, weil sie sich im Kleinen organisiert haben und von der Sympathie der Nahverhältnisse getragen sind. Gerade in den letzten Jahren hat die Kultur in ihren Megaevents übergroß aufgespielt und hat die Grenze zum Kommerz überschritten. Das Geschäftsmodell Abu Dhabis wird sich wahrscheinlich nicht retten lassen. Ein regionales Kabarett hingegen sehr wohl, wo die Lust an der Kunst das treibende Motiv ist und nicht die Vermarktung über Emirates und Studiosus.

Wir werden lernen, mit unseren Verlusten zu leben. Manche wird es hart treffen. Aber vielleicht dürfen sie sich auf einen Gemeinsinn verlassen, der neue Dimensionen erreicht. Das wäre zu hoffen. Uns bleibt nur die Hoffnung. In modernen Gesellschaften, wo auf die rettende Intervention eines Gottes nicht zu zählen ist, adressiert sich Hoffnung immer auch an das menschliche Miteinander.  Vielleicht geht alles auch etwas kleiner – und besser.

 

 

 

Exit                                                 2. April 2020

Am 28. Januar 2020 trat in Bayern der erste Fall der Infektion in Deutschland auf, heute, am 2. April, schreiben wir also den 66. Tag der Corona-Krise in Deutschland. Wie das Virus nach Europa kam, darüber streiten sich die Experten bis heute. Damals jedenfalls, und auch noch bis in den März hinein, hat sich wohl kaum jemand ausmalen können, wie die Dinge heute stehen - die Virologen und Epidemiologen vielleicht einmal ausgenommen, auf ihnen liegt nun die politische Expertise. Es ist gut so, wenn die Politik ihre Handlungen auf wissenschaftliche Daten und Methoden abstützt. Ich würde mir das auch für die Klimapolitik wünschen.

Zur wissenschaftlichen Fundierung von Politik gehören neben den Virologen auch die Soziologen, die Ökonomen, die Psychologen und die Philosophen (als Experten in Fragen der Ethik). Im öffentlichen Diskurs der Zivilgesellschaft bringen sie sich seit ein paar Tagen immer stärker zu Gehör, das Konzert der Stimmen gewinnt an Volumen. Auch das ist gut so, denn der Wissenschaften gibt es viele, und selbst unter den Virologen gibt es Dissens und  Pluralität in den Positionen, zumindest dann, wenn es um die Einschätzung der epidemiologischen Maßnahmen geht.

Die Politik muss nach Möglichkeit das Ganze in den Blick nehmen: die politische Stabilität der Gesellschaft, die wirtschaftliche Lage von Unternehmen und Bürgern, die medizinische Versorgung, die Ernährung der Bevölkerung, die Transportwege und vieles mehr. Und bei allem drängt eines: die Zeit. Und sie drückt mit jedem Tag stärker auf die Systeme.

Deshalb ist es auch gut so, wenn die Öffentlichkeit zunehmend darauf drängt, eine Exit-Strategie zu entwickeln. Die Regierungen in Bund und Ländern erklären sie allerdings fast unisono für unerwünscht. Wie das? Erleben wir gerade eine schleichende Machtverschiebung auf die Exekutive hin? Das käme einem sanften Coup gleich. 95% der Bürgerinnen und Bürger billigen die Maßnahmen der Regierung, so viel Konsens ist schlichtweg verdächtig. Ist es bürgerschaftlicher Gemeinsinn? Dagegen sprechen die leeren Regale von Toilettenpapier und Nudeln. Da ist sich fast jeder doch der Nächste.  Nein, mir scheint der Anteil der Angst der entscheidende Faktor am Konsens und nicht die die gesellschaftliche Vernunft, die in offenen Gesellschaften niemals mit einer Stimme spricht. Gewiss, es sind Notzeiten, da reiht sich die Bevölkerung hinter die Regierung ein. Nichts gegen Bürgerdisziplin bei Kontaktverbot, aber es ist in einer Demokratie einfach guter Brauch, dass die Regierung ein Ohr hat für den öffentlichen Diskurs über Strategien eines langsamen Wiedereinstiegs in das wirtschaftliche Leben.

Bislang behindert die fatale Alternative Leben versus Wirtschaft die Debatte über das Wie eines Exits. Sie schwingt ihre Keule und bezichtigt die ›Exiteers‹ moralischer Defizite. Aber die Zweifel mehren sich, ob wir tatsächlich richtig mit der Krise umgehen. Was wäre, wenn sich später, in ein paar Wochen oder Monaten, zeigen sollte, dass wir die gesellschaftlichen Folgen der Pandemie falsch eingeschätzt haben? Dass wir plötzlich in einen Strudel von Insolvenzen hineingeraten sind, geschäftliche wie private, die in Folge dann das Finanzsystem ergriffen? Eine neue Eurokrise aufgrund des Zusammenbruchs ganzer Volkswirtschaften? Und was wäre, wenn es so käme, dann mit der epidemiologischen Einsicht, dass wir die Gefahren des Virus krass überschätzt hätten? In der Sendung von Markus Lanz vom 31. Januar brachte der Virologe Hendrik Streek vor, dass die Infektionsketten sich nicht über Einkäufe im Supermarkt, beim Friseur, im Hotel oder im Restaurant fortsetzen, und er berichtet von Abstrichen, die von Türklingen und Handys aus hochinfektiösen Haushalten im Kreis Heinsberg genommen wurden. Dort wurde nur ›totes‹, nicht ansteckendes Genmaterial von Covid-Viren nachgewiesen. Die großen Ausbrüche seien nachgewiesenermaßen über die großen Events – Fußballarenen, Karneval, Massenparties – erfolgt. Hat die Politik derzeit auf einen sachlich nicht begründeten Angstmodus umgeschaltet? Wenn dem so wäre, dann sollten wir uns alle tatsächlich große Sorgen machen.

Nun gibt es aber auch viele gute Argumente für die Selbstisolation der Bevölkerung. Sie sind überwiegend virologischer Natur und zielen darauf, Schaden von Leib und Leben abzuwehren. Es zeugt von einem hohen zivisatorischen Standard, wenn das Leben als höchstes Gut betrachtet wird. Als lebensbedrohlich sollten wir aber auch wirtschaftliche Insolvenzen betrachten, die Menschen in den Suizid treiben. Davon ist derzeit ja viel die Rede, ich brauche also nicht ins Detail zu gehen. Es sind viele Einzelschicksale, jedes ist anders gelagert, aber manchen, und das dürften nicht wenige sein, ist der Sauerstoffhahn der Zukunft abgedreht. Derzeit, so listet die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) auf, stehen von den 40.000 Intensivbetten etwa knapp die Hälfte noch leer. Das sieht in vielen anderen Ländern ganz anders aus, und die vergleichsweise niedrigen Todesraten bei uns sollen keineswegs unser Gesundheitssystems prämieren – eher zeigt das die desolate Situation der europäischen Südländer, die mit ihren knappen Haushalten noch stärker an der Gesundheit haben sparen müssen. Aber wir haben noch Luft, und die wäre jetzt in das Wirtschaftssystem zu blasen, nicht nur mit Finanzspritzen, sondern mit Perspektiven für einen Neuanfang.

 

 

 

Solidarität                                                                 24. März 2020

Wir erleben gerade eine welthistorische Stunde. Denn kein Ereignis in der Geschichte der Menschheit kam mit vergleichbarer Wucht über die Zivilisationen. Nun schlägt die Stunde der Politik, die das Leben innerhalb weniger Tage neu organisieren muss. Nun geht es um alles, was uns wert ist. Die Gesellschaften müssen einen moralischen Stresstest bestehen.

In Wohlstandszeiten ist der bürgerliche Gemeinsinn eine soziale Tugend, die nicht allzu viel zu stemmen hat. In Krisenzeiten ist das anders. Dann wird uns bewusst, dass es uns selbst nur gut gehen kann, wenn es auch den anderen gut geht. Eine einfache Gleichung macht ihren Stich. Man kann sie auch gleichsam mit minus Eins multiplizieren, sie lautet dann: wenn es den anderen schlecht geht, dann geht es auch mir selbst nicht gut.

Man muss diese Gesellschaftsformel nicht eigens beweisen, in Zeiten der Krise folgen ihr Menschen intuitiv in ihren Kollektiven. Nachbarschaftshilfen haben Hochkonjunktur und ebenso die Dankbarkeit, die wir denen gegenüber äußern, die den Laden am Laufen halten. Die Medien stimmen uns alle ein auf Solidarität, Mitgefühl und Anstand. Die Profilierungssucht der Politiker und das Parteiengezänk pausieren für unbestimmte Zeit, eine Welle der Einigkeit rollt durch das Land. Allenfalls die Broker spekulieren auf fallende Kurse, hier zeigt der Markt selbst in Zeiten der Not sein hässlichstes, weil zerstörerisches Gesicht. In den solidarischen Soziotopen aber rücken wir alle zusammen, pflegen unsere Freundschaften, ja mitunter beenden wir sogar Feindschaften. Und weil wir uns auf Monate hinaus nicht den Luxus erlauben können, unser Heil in einem Impfstoff zu finden, bleibt uns nur, auf die Gesundheit des sozialen Körpers zu vertrauen. Aus sozialem Selbstvertrauen nährt sich derzeit die Hoffnung, ohne die Menschen nicht leben können. Nur wir allein können uns jetzt Hoffnung zusprechen, und dabei ist Solidarität unser wichtigstes Kapital.

Solidarität zieht Kreise mit verschiedenen Radien. Im Kernbereich die Sorge um Leib und Leben der Kranken, hier heißt sie »Kontaktverbot«. In Familien und Nachbarschaften stellt die Solidarität die physische und seelische Versorgung sicher. Die Bürger wenden sich nun verstärkt dem Qualitätsjournalismus zu, wo die bekannten Persönlichkeiten sich als Vorbilder für Gemeinsinn und Zusammenhörigkeit zeigen. Das ist gut so und zeugt von Charakter. Und auch die Regierung greift in die Vollen, um mit einem gigantischen Nachtragshaushalt den prekären Existenzen unter die Arme zu greifen. Doch dann, an der Staatsgrenze, droht der Solidaritätsfaden abzureißen. Mit Grenzschließungen und Einreisesperren schotten sich die Nationalstaaten gegenseitig ab, was auf ein nationales Kontaktverbot hinausläuft. In dünnen Rinnsalen tröpfelt aber weiterhin die Solidarität: Bayern und Baden-Württemberg leisten Italien und Frankreich medizinisch-technische Hilfe und nehmen von dort aus Patienten auf. Vielleicht sind diese und andere Aktionen ein gutes Stück Symbolpolitik, vielleicht reichen sie nicht, um uns dann, wenn der Virus eingedämmt sein wird, in Dingen europäischer Einheit ein passables Zeugnis auszustellen. Aber da kann, da wird noch mehr kommen.

Der weiteste Kreis der Solidarität bindet schließlich die Corona-Krise mit der Klimaerwärmung zusammen. Denn Solidarität verlangen die Älteren, die stärker infektionsgefährdet sind von den Jüngeren, deren Symptome sehr viel schwächer verlaufen. Gerade die Älteren aber haben – solidaritätsdefizitär – die klimapolitischen Anliegen der Jüngeren bestenfalls mit verständnisvoller Ignoranz quittiert. Mehr als Zahlenspiel war bislang kaum. Zugegeben, ein wenig holzschnittartig kommt das jetzt daher, da raschelt viel Statistik. Aber bleiben wir noch einen Moment lang noch in groben Linien: die Solidarität mit den Schwächsten der Gesellschaft verlangt von den Jüngeren, sich Hals über Kopf zu ruinieren. Dabei weigern sich die Älteren – immer noch grob gehobelt – den Jüngeren eine Welt zu hinterlassen, in der es sich ohne große Verluste leben lässt. Es wäre nur fair und solidarisch, würde die Menschheit mit ähnlichem Kraftaufwand das Überleben der nächsten Generation sichern.

Damit kein Missverständnis aufkommt: die derzeitigen Kontaktverbote sind alternativlos. Selten hat dieses anrüchige Wort so viel Sinn gemacht wie jetzt. Doch wir sollten die Rückkehr zu normalem Verkehr auch dann schon wagen, wenn die epidemiologische Situation noch gefährdet ist. Das scheint mir eine Sache der Solidarität mit denen zu sein, die ihr Leben noch weitgehend vor sich haben. Und dann wollen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag einfordern, der Solidarität und Gemeinsinn ungleich stärker reflektiert als eine Wirtschaftsform, die den Gewinn über alles stellt.

 

 

Räume                                               22. März 2020

Gestern, an einem regenverhangenen Tag, wurden die Ausgangsbeschränkungen verhängt, wie es die Epidemiologen von der Politik verlangt haben. Auch im Café unter meinem Fenster bleiben nun die Tische leer. Der öffentliche Raum ist verwaist, eine unheimliche Stille breitet sich aus. Im Supermarkt markieren rotweiße Klebestreifen Raumgrenzen, die erst beim Freiwerden der nächsten Parzelle betreten werden dürfen. Die Kunden fixieren in den Regalen ihre Beute, kaum kreuzen sich noch Blicke, und wenn, dann kehren sie sich schnell wieder zurück in den eigenen inneren Raum. Ernst geht es da im Augenblick her, und dieser seltsame, bislang unbekannte  Ernst hängt auch über der Stadt. Der öffentliche Raum hat seine eigentliche Bedeutung verloren, Stätte von Begegnung zu sein.

Das soziale Leben findet jetzt im Netz statt. Und da sprudelt es witzig, kreativ, mit vielen originellen Einfällen. Wir führen Telefonate mit Freunden und, so sagen sie, man käme sich jetzt näher. Ja, das erstaunt uns doch: wir pflegen unsere sozialen Netze, die wir mit unserem Leben aufgebaut haben. Ob alt, ob jung, das würden wir doch alle so tun. Plötzlich wird uns bewusst, was uns wichtig ist, wir suchen unsere Habitate auf und pflegen einen Freundschaftsgruß. Der kommt uns aus dem Herzen. Ein wahrer Freund sei wie ein zweites Selbst, meinte der alte Aristoteles. Wir greifen vielleicht nicht so hoch im Vokabular wie er, um da einzustimmen, aber das je eigene Habitat ist uns schon sehr wichtig. Was ich denke, was ich fühle, soll den anderen nicht fremd sein, Resonanzen sind erwünscht, man sucht einen gemeinschaftlichen Ort  auf. Und dazu findet man sich im Internet. Und dieses Internet, das hat die witzige Eigenschaft, überall und nirgends zu sein. Bei mir auf den Knien, im Laptop auf der Couch. Und dann wieder sofort »da draußen«, am virtuellen Ort. Das Online-Gespräch der Kultur hat begonnen, es benötigt nicht mehr den physikalischen Raum, um begegnen zu können. Wir haben alles auf dem Schirm, daheim, in unseren privaten Räumen.

Leiblich aber sind wir alle eingesperrt, jeder hat seinen privaten Raum anders, je nach Wohnfläche, je nach Köpfen. Da mögen sich später mal die Psychologen daransetzen, um zu erforschen, welche seelischen Spuren eine längere Isolation hinterlässt – in China beginnen gerade erste Untersuchungen. Auf jeden Fall gibt es da in den privaten Mauern auch Stress, der Kesseldruck steigt. Isolation ist krankheitsfördernd. Dann wiederum gibt es die, die uns betreuen, das Krankenhauspersonal, die Verkäuferinnen, die Polizei, die Transportdienste. Sie alle müssen heftig Überstunden machen. Sie helfen, sichern und buckeln, sie beschicken den Versorgungsraum, gerade höre ich beim Schreiben das Martinshorn auf dem Altstadtring. Was dort draußen vor sich geht, davon weiß ich nur aus den Medien, von einem Corona-Ausbruch in einem Würzburger Altersheim etwa. Oder in einem Telefonat mit I., die aus der Welt der Pflege berichtet, von der Schwierigkeit, Infektionsabstand zu halten bei den pflegebedürftigen Hochbetagten.  Was heißt es, fragte sie gestern Abend, wenn die Hand einer Sterbenden kein Angehöriger mehr halten kann?

Was aber ist mit denen, die noch da draußen sind, auf einem anderen Kontinent? Gestern ergatterte meine Tochter einen der letzten Flüge aus Mexiko, ihr regulärer Rückflug wurde gecancelt. An vielen Flughäfen stauen sich die Rückkehrer, alle suchen Zuflucht zu den ihren nationalstaatlichen Räumen. Rückholprogramme, individuelle Lösungen und dann wiederum geht nichts mehr. Der mundiale Raum wird mit Grenzschließungen zu einem geopolitischen Raum, in dem Distanzen plötzlich nur noch sehr schwer zu bewältigen sind.

Und doch: der virtuelle Raum lebt und fängt vieles auf. Neue Formen der Nachbarschaftshilfe entstehen, glokal heißt schon das neue branding. Einkaufen, Kinderbetreuung, kleine Gefälligkeiten stehen an zum Tausch, Theater, Konzerthäuser, Unternehmen, Institutionen und Vereine bilden neue Kommunikationskanäle zu Bürgern und Kunden. Vielleicht sehen wir im Netz eine glokale Gesellschaft entstehen? Wenn wir genau hinschauen, dann können wir sehen, wie Räume der Hoffnung entstehen.

Wir brauchen sie dringend, diese Räume der Hoffnung. Jeder und jede kann ein Hoffnungsbild sein. Im Raum der Hoffnung begegnen wir uns anders, nämlich weicher, einfühlsamer und gesprächsbereiter. Doch davon bald mehr.

 

 

Zeit                                                    21. März 2020

Wir stehen kurz vor dem shutdown, der Ausgangsbeschränkung. Markus Söder hat sie heute schon für Bayern verhängt. In den nächsten zwei Tagen bei uns in Baden-Württemberg und bestimmt auch im ganzen Land.

Aber irgendwie muss es ja weitergehen, die Menschen sollen ihrer Arbeit nachkommen, ein Minimum an wirtschaftlicher Dynamik muss aufrechterhalten bleiben, die Menschen müssen sich versorgen können. Die Gesellschaft ist völlig entschleunigt, die Zahlen der Neuinfektionen weisen steil nach oben. Eine Erstarrung in Schrecken: Wie hat das alles ein hochinfektiöser Virus bloß fertiggebracht? Ein Tropfen Biomasse fiel in das Zirkulationssystem der Zivilisationen dieser Erde, dort, wo die Gesellschaften am verwundbarsten sind. Und brachte fast alles zum Erliegen. Die Zeit steht still.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit? Auf jeden Fall aber zum ersten Mal in der uns bekannten Epoche der Zeitbeschleunigung, die sich etwa seit eineinhalb Jahrhunderten ereignet. Die Transportzeiten haben uns den Globus verfügbar gemacht, die Maschinen haben der Zeit die Sporen gegeben. Der Gang der Zivilisationen legte zu und legte nochmals zu. Alles immer schneller, die Leistung wurde zum Fetisch. Über die Leistung definiert sich nunmehr alles, mehr in weniger Zeit, das ist seine Pfeife, nach der wir zu tanzen haben. Über die Leistung erklärt sich der homo ökonomicus zum Herrn der Zeit und zum Überwinder des Raums.

Bleiben wir hier bei der Zeit. Denn sie galt das gesamte christliche Mittelalter hinweg als „Eigentum Gottes“, doch im Gang der Zivilisationen wurde sie zunehmend zum „Eigentum des Menschen“. Man pries die vita activa, mit der man sich Gott günstig stellen wollte, und bald brauchte man Ihn nicht mehr, um das Szepter der Zeit zu übernehmen. Innovation folgt Innovation, Rekord und Gewinn bislang unbekannten Ausmaßes, und dabei belieh man stets die Zukunft mit Schulden. Bis gestern  funktionierte das.

Jetzt erleben wir die Zeit, die vergesellschaftete Zeit, als etwas, die sich plötzlich dehnt, wenn man den Tag in den eigenen vier Wänden verbringt. Und auch da draußen steht alles. Das kleine Biotröpfchen kristallisiert zum Sand im Getriebe. Das System fährt auf allergrößten Sparmodus zurück. Die Corona-Pandemie zwingt die Gesellschaften rund um den Globus auf den Parkplatz. Natur trifft auf Zivilisation. Und zeigt, dass sie stärker ist als wir. Das haben wir zwar stets schon gewusst, davon erzählt ja schon die Astronomie, aber Beunruhigendes droht von dort kaum etwas. Eher jagt uns die Klimaerwärmung den Schrecken in die Glieder. Dass es aber nicht im Großen, sondern im winzig Kleinen kam, und zudem ganz plötzlich, das trifft uns unerwartet. Und zwingt uns eine andere Zeitordnung auf, den Stillstand des öffentlichen Lebens.

Doch woanders, da rast die Zeit, in den Krankenhäusern Italiens und Irans etwa, da geht es um Leben und Tod. Hier arbeiten die Menschen bis zum Anschlag, und ebenso in der Landwirtschaft, der Lebensmittelversorgung, den Transportdiensten, der medizinischen Technik, der pharmazeutischen Forschung und in vielen anderen Segmenten des Lebens. Hier arbeiten die, die das System am Laufen  halten. Und sie arbeiten schwer und sind einem Hochinfektionsrisiko ausgesetzt. Hier rast die Zeit in exponentiellem Wachstum, das errechnet sich mit simpler Mathematik. Die Infektionszahlen verdoppeln sich alle 2-3 Tage. Mit einer solchen Beschleunigung werden selbst die „Herren der Zeit“ nicht fertig.

Das Virus diktiert die Chronologie der Ereignisse.  Bekommen wir also gerade eine sehr teure Rechnung zugestellt, eine Rechnung mit den Posten Menschenleben, Leid und dem zumindest vorübergehend blockierten Zugriff auf Zukunft? Es ist eine Rechnung, die wir bislang nie auf unseren Rechnungen hatten. Auf ihr summieren sich die Schäden, die eine zutiefst gestörte Synchronisation zweier Zeitordnungen aufhäuft: die Zeit in der Natur und die Zeit in der Kultur. Die Zeit in der Natur bedeutet Reifung, Zyklus, Vielfalt der Lebensformen im langsamen Gang der Evolution. Ganz anders die Zeit in der Kultur, wo sich die Herrschaft des Geldes fast alles andere unterworfen hat, was man eben auch noch kulturell nennt, soziale Verbände etwa, Vorsorgesysteme, Familienplanung, ja selbst das Wertesystem ist dabei unter die Räder gekommen. Die Liste der Fehler ist lang, doch uns bleibt die Einsicht und die gesellschaftliche Vernunft, aus ihnen zu lernen. Tröstlich dabei ist, dass sich irgendwann das Virus eindämmen lässt, dass es weniger und weniger menschliche Organismen finden wird, in denen es sich reproduzieren kann. Bis es dahin kommt, sind wir auf uns selbst angewiesen, auf unseren Gemeinschaftssinn, mit dem wir uns auf einen langsameren Zeitsinn einüben müssen. Die Epidemie zwingt uns dazu, jetzt endlich einmal die Systemfrage zu stellen.

 

 

Angst                                                 19. März 2020

Ja, geben wir es uns zu, wir haben Angst. Überwiegend gilt sie nicht unserer eigenen Gesundheit, die jüngeren unter uns lassen kaum ja Symptome aufkeimen, und die Infektionsraten des Corona-Virus liegen immer noch im Promille-Bereich. Die Anderen sind nur statistisch gesehen eine Bedrohung. Aber diese ferne Bedrohung mutiert zu Angst-Szenarien an den Regalen der Supermärkte, der Börsenkurse, der einzelnen ungeschützten Existenzen von den Gastwirten bis zur Kreativwirtschaft. Die Angst frisst sich durch alle Bereiche unseres Lebens. Irgendwie ist etwas gewaltig in Unordnung geraten. Wir haben Angst um die Stabilität unseres Systems. Ganze Wirtschaftszweige können jetzt wegbrechen und für viele Jahre von der Bildfläche verschwinden. Die Welt von morgen, plötzlich können wir sie uns nicht mehr vorstellen. Aber gewiss ist, dass sie eine ganz andere Welt sein wird als die, die wir gewohnt sind.

Das alles vermag ein kleines Virus, das vom Tier auf den Menschen gewandert ist. Für die Natur war es ein kleiner Schritt, dort auf dem Markt von Wuhan. Vielleicht nur eine unmerkliche Mutation der viralen DNA. Die menschlichen Zivilisationen dagegen durchfährt es bis ins Mark. Unser gewohntes Leben steht dem Spiel. Unser Lebensstil. Wir haben uns daran gewöhnt, den gewaltigen Berg an Problemen der Zukunft aufzubürden. Wir leben weltweit eine Philosophie des Aufschubs. Und plötzlich scheinen die Zivilisationen keine Zeit mehr für Zukunft zu haben. Unsere Buchungen dort am ferneren Zeithorizont sind ausgereizt. Und jetzt droht der System-Overkill. Ein namenloses Es hat auf die Pausentaste gedrückt, die Gesellschaften erstarren in Quarantänen, das System fährt herunter. Und das macht Angst.

Angst sei ein schlechter Ratgeber, hört man in diesen Krisentagen immer wieder.  Und das ist völlig richtig. Denn in der Angst vereinzelt sich der Mensch und ist radikal auf sich selbst zurückgeworfen. Die Anderen sind ihm keine Stütze mehr. Philosophen unterscheiden gern die Angst von der Furcht. Furcht habe man vor etwas Bestimmtem, Angst dagegen habe kein deutliches Wovor. Gegen die Furcht lasse sich angehen, unser sozialer Körper aus Institutionen und öffentlichem Leben schützt die Individuen vor dem freien Fall. Die Angst aber kommt in anderem Kaliber. Sie lässt spüren, wie unheimlich, wie bodenlos, wie wenig vertraut uns doch das Leben ist. Angst, so meinte der dänische Religionsphilosoph Sören Kierkegaard, Angst sei der Preis für die Freiheit. Angst habe man vor dem In-der-Welt-Sein, so deutete Martin Heidegger unsere existenzielle Situation. Wie auch immer philosophisch die Akzente gesetzt werden - plötzlich reißt der dünne Film von Vertrautheit. Die Welt wird unheimlich, wir finden in ihr keine Heimat mehr. Wer sich ängstigt, der sieht nur noch sich selbst. Und dann stürmt er oder sie die Regale und hamstert, um wenigstens ein wenig an Kontrolle zurückzugewinnen.

Für eine Gesellschaft ist Angst ein tödliches Virus. Sie bringt eine Spirale in Gang, die sich in ihrem Verlauf stets verstärkt. Angst nährt Angst in einem Klima existenzieller Vereinsamung. Und ja, einsam sind wir in diesen Tagen alle irgendwie. Wie begegnen wir ihr, wie begegnen wir unserer Angst?

Jede Krise berge eine Chance in sich, lautet ein weiteres vielstrapaziertes Wort.  Und es ist ja wahr: wir lernen nur, weil wir Irrtümer begehen. Wir dürfen also tatsächlich darauf vertrauen, dass uns Umgangsformen gelingen, die uns sozial näher zusammenrücken lassen. Wir sind nicht allein. Unser Trumpf ist unser soziales Wesen, das vielbeschworene zoon politikon, das Aristoteles einst zur ersten tragfähigen Sozialphilosophie ausgearbeitet hatte und deren Grundidee wir auch heute noch folgen können, ja müssen. Gerade in Krisenzeiten gibt es keine Alternative zum Vertrauen in sozialen Dingen. Jeder mag darüber hinaus noch andere Vertrauensanker werfen, im religiösen Glauben etwa, in die Vitalität des Lebens oder in die Sinnfäden, die uns Literatur und Kunst zeichnen. Jetzt, wenn nicht jetzt? haben wir Zeit dafür. In der Entschleunigung unseres Lebens liegt die Chance, uns auf das Wesentliche unseres Lebens, auf ebendieses Vertrauenskapital zu besinnen. Jeder Anruf zu Freunden und Bekannten entlastet von der Spirale der Angst. Jedes Du macht uns zu einem Wir. Nehmen wir Kontakt auf zu unseren Nachbarschaften, bieten wir Hilfe an. Reden wir miteinander, aber treten wir dabei nicht die Katastrophenmeldungen breit, sondern bemühen wir uns gegenseitig um Stabilität und, ja auch das: um Trost. Jeder von uns trägt dazu bei, dass das kollektive Angstpotenzial im gesellschaftlichen Leben nicht noch stärker viral geht. Den Impfstoff dazu können wir uns selber fertigen.

Zur sozialen Etikette hat Angela Merkel gestern Abend in einer ihrer politischen Sternstunden das Nötige gesagt. Und auch in den Medien haben sich viele Stimmen dazu zu Wort gemeldet. Das Konzert der öffentlichen Stimmen hat in der Krise einen sehr einheitlichen Klang. Angstpsychologisch kontraproduktiv treten die Verschwörungstheoretiker auf, die sich über die sozialen Netzwerke verbreiten. Dazu gehört auch die gegenwärtig immer wieder zu vernehmende Ansicht, mit dem Corona-Virus schlage die Natur zurück.  Das ist in dieser unreflektierten Form Unsinn in Potenz. Die Natur hat keine strafende Faust. Diese Vision gehört in das dunkle Arsenal der Dogmen vom strafenden Gott. Wir sollten es nicht zu Erklärungen heranziehen. Und überhaupt zeigt sich Vertrauen und Solidarität darin, dass Schuldzuweisungen in überhasteten Diagnosen über unseren Weltzustand ausbleiben. Denn jetzt geht es um Wichtigeres, um Näherliegendes. Jetzt steht die Bewältigung der Krise an, und jetzt geht unser tiefer Dank zunächst einmal an alle die, die das öffentliche Leben aufrechterhalten: an Ärzte und Pflegedienste, an Briefträger und Verkäuferinnen im Supermarkt, an Lastwagenfahrer, Polizisten, Landwirte und Erntehelfer, an alle die, die Waren und Dienstleistungen weiter zirkulieren lassen. Die nicht sich nicht ins Homeoffice abmelden können. Die handeln müssen, ganz hemdsärmelig, für einen monetären Lohn, den die Gesellschaft stets zu gering geschätzt hatte bislang.

Aber das gehört schon zu den Lehren, die zu ziehen sind, später. Jetzt steht anderes an. Die Angst vor der Angst sei unser größter Feind, sagte der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt zur Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts. Machen wir es der Angst nicht zu leicht. Erzeugen wir Zuversicht!

 

 

Das Corona-Tagebuch

Wir erleben gerade eine rapide Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die Welt mit und nach der Corona-Pandemie wird eine andere sein als zuvor. Wie wir leben, wie wir wirtschaften, kooperieren und wie wir uns bewegen, nichts davon wird mehr so sein wie vorher. Damit verbinden sich viele Ängste. Aber es öffnen sich uns auch Räume zu neuen Orientierungen. Das menschliche Zusammenleben wird sich grundlegend neu justieren. Wir wollen dabei sein, wir wollen mitreden im Konzert einer neu sich findenden öffentlichen Vernunft.

Wir schätzen unsere Situation heute mit Kenntnissen ein, die morgen schon überholt sein werden. Das ist ein Kennzeichen allen großen Wandels. Die Ereignisse stürmen durch die Zeit und das Verstehen kommt nicht mehr nach. Alles ist Prozess – und wir stehen mittendrin. Im Corona-Tagebuch versuche ich, davon ein wenig festzuhalten.

 

Philosophisches Forum

 
 

Peter Vollbrecht