Corona-Tagebuch

 

Das stehengebliebene Jahr                       29. Mai 2020

Das lange Pfingstwochenende hat begonnen jetzt am Freitagabend. Einzelne Gesprächsspitzen steigen empor aus dem murmelnden Geräuschteppich draußen am Rathausmarkt, wo die Restaurants ihre Tischzeilen ausgeweitet haben, um ihre Gäste abstandswahrend zu platzieren. Wir tasten uns nicht mehr so vorsichtig vor in eine neue Normalität, wir machen jetzt größere Schritte.

Und dabei fällt auf, aus wie vielen einzelnen Ringen unser soziales Leben besteht. Gerade weil nun jedes Land seine eigenen Verordnungswege geht, weil heute Hessen Beschränkungen aufhebt und morgen Sachsen, strecken sich die Öffnungen über Tage hinweg. So können wir das rasende Geschehen wie in Zeitlupe betrachten. Schule, Sportstätten, kleine Konzerte unter freiem Himmel zunächst, Restaurants. Die Bars bleiben bis auf Weiteres geschlossen, Kinos und Theater ebenfalls. Hotels und Ferienhäuser, Campingplätze und Ausflugsschiffe, Gottesdienste und Volkshochschulen, aber auch Fitnessstudios und Tanzschulen, alles blättert sich zurück ins normale Leben – doch zu allem hinterlässt man Telefonnummer und Adresse.

Ich selber bin noch nicht wieder angekommen da draußen. Mein Jahr steht noch immer am selben Ort wie vor dem Lockdown. Nun, so ganz stimmt das nicht, ein wenig an empirischer Weltbreite habe ich schon zugelegt. Aber dennoch scheint es mir so. Es ist, als ob der eigentliche Gang immer noch ein Verharren ist. Und es stimmt ja: wir sind immer noch eingesperrt. Immer noch sind die Grenzen mit wenigen Ausnahmen zu. Und jede kleine Rückkehr zu den Freiheiten von Schengen findet ihre Schlagzeile in den Nachrichten. Die Medien stimmen uns ein auf Urlaub in unserem eigenen Land. Und so denke ich, nicht nur ich empfinde, das Jahr sei stehen geblieben.

Nein, keineswegs hat die Zeit aufgehört zu fließen. Das merke ich am kletternden Sonnenstand. Als im März die Welt erstarrte, dachte ich mir, zum Glück in allem Unglück passiert das jetzt im steigenden Jahr, wenn die Lebenssäfte frischer zirkulieren. Wie wäre es gewesen, wenn wir mit der gesellschaftlichen Leichenstarre zugleich auch noch ins Dunkel eines langen, bevorstehenden, lichtarmen Winters gestürzt wären? Stattdessen wendete sich der noch kahle März in den April mit seinen endlosen Sonnenstunden, dann schloss sich der etwas wetterlaunischere Mai an, die Wiesen wurden fett und die Kastanien setzten sich ihre weißen und roten Kerzen auf. Die Natur machte weiter wie immer, und die Weinbauer beschnitten zu Beginn des Lockdowns ihre Reben, in den hellen Tagen des späten März. Die Zeit in der Natur scherte sich nicht um das Virus, doch die Menschen mussten ihre Zeitbewirtschaftung von einem auf den anderen Tag umstellen.

Vielleicht rührt mein Empfinden eines stehengebliebenen Jahres aber auch aus meiner eigenen psychischen Befindlichkeit her. Also: Umkehrung des Blicks. Seit Mitte März ruht das Geschäft, alle vorbereitende Arbeit auf Kommendes bleibt halbfertig und, ich muss gestehen, lustlos liegen. Es fehlt der Termindruck. Stattdessen streuen sich meine intellektuellen Aktivitäten in die Breite, mal philosophischer und mal mehr mit politischem Betrachtungswinkel. Ein paar Romane habe ich verschlungen. Das war und ist durchaus lustvoll, so einfach mal spazieren gehen zu können im weiten Gelände von Kultur&Zivilisation. Wie faszinierend doch die Welt sein kann, das erlebe ich gerade auch aus meinem eigenen Stillstand heraus. Einfach mal betrachten zu können, um aus der Ruhe heraus, in einem von intellektueller Lust inspirierten Moment dann eigene Worte zu finden für das Geschehen. Gerade dann, wenn auch die Experten ›auf Sicht‹ fahren, ist man nicht überfüttert von fertigen Analysen. Alles scheint türangelweit offen. Philosophisch ist das eine erregende Zeit, und ich imaginiere dazu meine Helden, die damals zur Zeit der Französischen Revolution auf der Bühne der Zeit standen und sich als Zeitzeugen eines weltverändernden Ereignisses begriffen und sich zukunftskompetent äußerten. Auch sie spürten, dass da draußen Kräfte walten, die alles Gewohnte aus den Angeln heben, dass sich Geschichte ereignet, gerade jetzt, draußen vor dem Fenster.

Vielleicht leben wir gerade im Auge eines Orkans. Drinnen Windstille, die Blätter hängen schlaff herab wie die Tage gerade im stillgestellten Jahr. Doch draußen, da gehen die Winde, und bald werden sie uns erreichen.

 

 

 

Der Coup                                        28. Mai 2020

Von Brüssel ging gestern ein Erdbeben aus. Eine Revolution, vielleicht auch nur deren Ankündigung. Ursula von der Leyen verkündete mit flammender Stimme das 750-Milliarden-Paket des EU-Konjunkturprogramms. Gemeinschaftshaftung und überwiegend nicht rückzahlbare Hilfen für den Süden. Ein Coup ereignet sich gerade, ein Coup von oben, der Europa umkrempeln wird, eine Palastrevolution neuen Stils, denn die Putschisten wissen sich in Übereinstimmung mit den wissenschaftlichen Experten: den Ökonomen, den Politologen, den Wahlforschern.

Endlich! Und der finanzielle Schub kommt nicht allein daher, weitere 500 Milliarden haben Deutschland und Frankreich vereinbart, ebenfalls Hilfen und die Finanzierung nahe an der Transferunion. Europa kämpft mit seinem Überleben, so ernst scheint also dann doch die Lage zu sein. Aus dem Lager der Sparsamen, dem Club der reichen Nordländer, hat sich Deutschland abrupt entfernt. Ursula von der Leyen hat ihre Segel aufgespannt, um vom Wind der Geschichte getrieben, die Gunst der Stunde nutzend, der Gemeinschaft eine neue Identität zu geben. Wenn ihr davon nur die Hälfte gelingen sollte, dann wird sie als eine große Europäerin erinnert werden.

Es war die Union, die diesen Kurswechsel vollzogen hat nach Jahren des Sträubens. Coronabonds und gemeinsame Anleihen waren der Kanzlerpartei stets ein rotes Tuch. Es muss derzeit also um Sein und Nichtsein gehen, wenn das plötzliche Stühlerücken um den gemeinsamen Tisch alte Denkblockaden überwindet, wenn Privilegien aufgegeben werden. Die Wirtschaftsökonomen haben mehrfach ja schon vorgerechnet, welche Milliardenprivilegien den Nordländern aus Euro und Schengen erwachsen sind in den letzten Jahren. Jetzt, endlich! zahlen wir zurück. Und bauen damit ein neues Europa.

Gewiss, die Pläne müssen noch durch die Parlamente, Kompromisse werden am Volumen noch zehren, aber das Momentum der Geschichte liegt bei den Akteuren. Ein flottes Label – nichts geht über ein gelungenes Framing –  steht auch schon bereit, frisch und luftig: ›Next Generation EU‹ heißt der gewaltige Ruck, der durch Europa gehen soll. Die Rede von einem Neuaufbau weckt nostalgische Erinnerungen an den Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg. Europa 2.0., geeinter, solidarischer, weitschauender. Grüner auch und fairer, das Momentum der Geschichte privilegiert das Teilen und fordert den Reichen Sonderabgaben ab, Vermögenssteuern sollten wieder eingeführt und eine einmalige Vermögensabgabe von denen gefordert werden, die ohne Verluste durch die Krise gekommen sind. Das alles muss klug bedacht und sorgfältig mit der nötigen Expertise ausgeführt werden, damit die Gelder dort ankommen, wo sie sinnvoll und das heißt: nachhaltig und resilient angelegt sein wollen.

Dazu bedarf es flankierend eines neuen Gesellschaftsvertrages, der Zukunft über Gegenwart stellt. Denn wir setzen nun alles riskant auf eine Karte, auf die Karte der Zukunftsfähigkeit. Selten war so viel Lust auf Aufbruch. Ein neues Wirtschaftsmodell könnte den kurzatmigen Konsum bepreisen, der zu schnell in der Abfalltonne landet. Wir könnten Dividenden der Vernunft einstreichen, wenn es gelingen sollte, Europa in einen Kontinent von Zukunftstechnologien zu transformieren, mit einer natursorgsameren Landwirtschaft und einer wertorientierten Marktwirtschaft. Und nicht zuletzt müssen die Proportionen von Kapital und Arbeit korrigiert werden, damit die Finanzoligarchie nicht länger die Realwirtschaft in den Schatten stellt oder gar – wie während der Finanzkrise 2008/09, stranguliert. Denn Arbeit, sinnerfüllende Arbeit dient dem Leben, das können weder Aktien noch Derivate.

Es ereignen sich politische Veränderungen, die im vorcoronaren, verkrusteten Europa kaum denkbar schienen. Europa bewegt sich, selten war es so schön, so erfüllend und erhebend, dazu zu gehören. Von Europa könnte ein Impuls ausgehen in die Welt, eine Vision, ein Vorschlag, ein Modell. Die ethische Meinungsführerschaft für ein zivilgesellschaftliches Morgen, sie könnte von Europa ausgehen. Wir müssen uns nur zukunftskompetent bewegen.

 

 

 

Politischer Nihilismus                      26. Mai 2020

»Den ganzen schier endlosen März über stellten die Amerikaner jeden Morgen beim Aufwachen fest, dass sie in einem gescheiterten Staat leben«, schreibt der US-amerikanische Journalist George Packer in der Juni-Ausgabe des renommierten Magazins The Atlantic. Die USA – ein failed state? Gemeinhin gelten gescheiterte Staaten als Gemeinwesen, in denen Oligarchen ihr Unwesen treiben, als Staaten, wo die herrschende Elite sich unmäßig bereichert, wo Testosteron das gesellschaftliche Klima aufheizt bis zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Der ›Fragile States Index‹ der amerikanischen Zeitschrift Foreign Affairs listet für 2019 Jemen, Somalia und Südsudan in der Spitzengruppe auf. Wie – die USA werden 2020 dazu stoßen?

Gegenwärtig, Stand Ende Mai, fallen weltweit die Hälfte aller Corona-Infektionen und Todesfälle auf die USA, Brasilien, Russland und Großbritannien. Sie alle werden regiert von Männern, die ihre Macht auf die Allianz von Lügen, Leugnen, Korruption und Diffamieren gebaut haben. Donald Trump, Jair Bolsonaro, Wladimir Putin und Boris Johnson, sie alle sind machtbesessene Narzissten. Und sie sind Männer, die – Boris Johnson einmal ausgenommen – Männer sind und Männer sein wollen. Die es für unmännlich halten, Angst zu haben vor so einem kleinen Virus. Trump und Bolsonaro sind dabei die beiden Prototypen eines neuen-alten Führers. Trump gibt den Immobilienmagnaten und Bolsonaro den Caudillo. Heerführer sind sie beide, für sie ist der Kampf das politische Element, darauf verstehen sie sich, und konsequent verschieben beide, Trump wie Bolsonaro, die Ratio der Politik von der Verständigung zur Konfrontation. Beide haben das Virus lange ignoriert, haben es auf ein Grippchen reduziert, und nun, wo das medizinische Personal zur Schlachtbank geführt wird, weil ohne Schutzkleidung ausgerüstet, nun bringen sie sogar noch das Kunststück fertig, das Virus populistisch auszuschlachten. Trump zeigt auf China, er zeigt Xi Jinping die rote Karte, er zündelt den kommenden Konflikt zwischen alter und der neuer Weltmacht. Bolsonaro dagegen zündelt im rohstoffreichen Amazonien, wo er für die Großagrarier kämpft, die vorstoßen in die Wildnis des Urwaldes, um Soja und Fleisch zu erzeugen für harte Devisen. Dafür, so scheint das brasilianische Narrativ zu lauten, dabei braucht es ganze Männer, auf jeden Fall einen starken Willen, mit dem man sich über vieles hinwegsetzen kann.

Die Corona-Krise macht die Tiefenstruktur beider Gesellschaften lesbar, der US-amerikanischen wie der brasilianischen. Derzeit dominiert dort der Einzelkämpfer-Typus, die auf sich selbst gestellte und in der Not verlassene Existenz. Aus den Favelas und den Mittelschichtsvierteln klappen abends die Töpfe, es gibt Hunger, aber es gibt auch den agrarischen Krieg gegen die Natur, die so üppig und stark ist in den Regenwäldern. Die nordamerikanische Variante, die das System Trump verkörpert, legt ähnlich brutal der Natur zu, sie schürft, pumpt und frackt. Es ist Natur, die zum Abschuss freigegeben ist. Davon gibt es schließlich reichlich zwischen den beiden Küsten.

Wo aber stehen die Menschen dabei? Weshalb haben sie solche Personen gewählt, die ihren klebrigen Film auf allem hinterlassen, was sie anfassen? Wie kann ich den Applaus verstehen, der Trump entgegenbrandet, wenn er sein 17-Wort-Vokabular ins Kreisen bringt? Wie sehen die Kräfte aus, die in den vom Populismus infizierten Gesellschaften wirken? Ich möchte das gern wissen, denn ich spüre: Trump und Bolsonaro verfolgen einen politischen Nihilismus, der Schule machen könnte. Beide verhökern den Gemeinsinn, jene edle demokratische Tugend, auf dem Markt, alles ist nur noch Deal. Wie können zutiefst traditionelle, weil religiös inspirierte Gesellschaften derart degenerieren, frage ich mich immer wieder. Weshalb verfängt die Fäkaliensprache, die Trump und Bolsonaro in den politischen Diskurs eingebracht hat und dem selbst Frauen verfallen?

»Der Sinn von Politik ist Freiheit«, schrieb vor einem halben Jahrhundert Hannah Arendt, tief beeindruckt von dem politischen Geist Amerikas. Davon ist heute, nach eben derselben Jahrhunderthälfte nur noch wenig geblieben. Mit der Wahl Richard Nixons 1968 begann die Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft, meint der New Yorker Romancier Paul Auster. In ihrem Malstrom pulverisiert die Freiheit und zerfällt zu Staub. Übrig bleibt ein demagogischer Kampfbegriff für einen aggressiven Nationalismus.

 

 

 

Blumen des Misstrauens                            17. Mai 2020

Der Druck des Virus lockert sich gerade ein wenig. Zwar ist es noch überall und nirgends, das ist seine Art, zu existieren, aber dennoch: Eine erste Entspannung. Das Fernsehen zeigt Jogger an der Seine und in Madrid. Morgen werden die Restaurants folgen, gestern ist die Grenze zu Luxemburg geöffnet worden, und bald wird man auch keinen triftigen Grund mehr vorweisen müssen, um die anderen Nachbarn zu besuchen. Und auch die Volkswirtschaften erwachen langsam aus dem Koma. Die Finanzminister und die Zentralbanken aber werden sie noch lange auf der Intensivstation betreuen müssen. Und später dann in der Reha.

Ja, machen wir uns nichts vor: die Zivilisationen sind ernsthaft erkrankt. Und stärker noch als jede schwere Infektion – wenn man jeden Knochen spürt und das Husten schier den Brustkorb zerreißt – greift auch die Corona-Infektion die Organe der Gesellschaft an. Manches wird absterben, irreparabel, doch auch Neues wird wachsen. Ein neues Gewächs zeigt sich gerade jeden Samstag in den Städten.

»Wir wollen unser Leben zurück«, heißt es auf den Plakaten der sogenannten Hygiene-Demos in Stuttgart, München, Frankfurt und Berlin. Das klingt noch harmlos, fast wie aus Kindermund, aber es gibt auch andere Stimmen, Stimmen, die ihre Feinde suchen und gefunden haben. Verschwörungstheorien, die schnell ins Antidemokratische umschlagen, weil sie sich nicht darauf verstehen, an sich auch mal zu zweifeln. Vielleicht haben die Sozialpsychologen Recht, die die Attraktivität von abstrusen Machtkonstellationen damit erklären, dass die Bürger die verlorene Kontrolle über ihr eigenes Leben zurückgewinnen wollen. Wenn ebendieses Segment der Gesellschaft aber zur Auffassung gelangt, dass sie die Corona-Verlierer sind, kann sehr leicht eine neue Bürgerbewegung daraus werden. Zur Zeit, Stand Mitte Mai 2020, ist noch ungewiss, ob sich die neue Opposition nach weiteren Öffnungen im Sand verlaufen wird oder, wenn nicht, welche Farben sie dann tragen wird. Mir fällt es schwer, aus dem Stand heraus die Proteste zu bewerten. Eigentlich, so denke ich, zeugt es von gesunder Demokratie, wenn sich die Bürger artikulieren, gerade auch bei solch‘ gravierenden Einschränkungen des Lebens. Eine stumme, folgsame und überdisziplinierte Bürgerschaft müsste uns doch eher noch beunruhigen. Andererseits vertieft sich gerade in Corona-Zeiten der Graben des Misstrauens, den bislang die populistische Rechte gegraben hat. Die Lager haben sich noch nicht sortiert, bürgerrechtliches Engagement wird umspült von antisemitischen und xenophoben Strömungen. Das Camp der Misstrauischen befindet sich noch im Aufbau.

Fatalerweise sind wir durch die gesellschaftliche Vernunft – um es ein wenig pathetisch zu sagen – angehalten, misstrauisch gegenüber dem Mitbürger zu sein. Das gilt nicht direkt der Person vor mir in der Warteschlange an der Ladenkasse, denn wir alle stehen ja unter Virenverdacht. Jede und jeder ist nun ein Potenzieller. Aber gerade daraus formt sich ein neuer Alltagsmodus. Unter den Gesichtsmasken keimt das Misstrauen, denn wenn sie alle Gesichtsschutz tragen, denn signalisieren sie uniform ihre potenzielle Infektionsgefährlichkeit. Natürlich sagt mir mein Verstand, dass die Behörden dieses ›Alle‹ uns verordnet haben, und überwiegend wir sehen sogar den Sinn der Maßnahmen ein. Aber das schützt viele Bürgerinnen und Bürger anscheinend nicht davor, vom Virus des Misstrauen so sehr infiziert zu sein, dass sie sich mit politischem Vokabular bewaffnen und einen totalitären Coup hinter den Schutzmaßnahmen vermuten. Ja, es sind kleine Minderheiten, die Mehrheit ist eher bürgerschaftlich besorgt um die Fundamente des Grundgesetzes.

Zwei Monate Lockdown zeigen ihre psychologischen Stressspuren. Es gibt einiges aufzuräumen, wenn sich die Lage weiter entspannen wird. Den Verschwörungs-Anhängern empfehle ich eine grundlegende Bilanz ihres Verhältnisses gegenüber dem Staat, den Medien und der Wissenschaft. Ist es wirklich klug, sich selbst zum Opfer zu stempeln, statt dafür zu wirken, die Gesellschaft und die Politik auf einen nachhaltigen Entwicklungskurs zu bringen?

 

 

 

Befindlichkeit Europa                                    10. Mai 2020

Die siebente Woche ist nun fast herum. Und langsam kommt wieder Leben auf. Auf dem Hafenmarkt, an dem noch nie an Boot angelegt hat, einem kleinen baumbestandenen Platz gerade um die Ecke, ein stiller Platz, aber heute Abend ist er belebter als sonst, Kinder tollen herum und vor dem Brunnen klampft ein Gitarrenspieler. Um ihn versammeln sich Leute, die in den Refrain einstimmen. Es ist ein früher Sommerabend in meiner Stadt, jetzt im Mai. Später, nach Einbruch der Dunkelheit, lebt eine kleine Ecke am Rathausmarkt auf, Leute sitzen auf den Stühlen vor einem geschlossenen Restaurant, die Szene ist eine Geste des Wartens, der Wartens auf Öffnung der Gastronomie.

Wir gehen gerade erste zögerliche Schritte in Richtung Normalität. Mit etwas eingezogenen Schultern schauen die Epidemiologen auf die Öffnungen, die die Politik vorgibt. Wird es schiefgehen? Kommt zweite Welle? In Corona-Zeiten spielen die Ministerpräsidenten die erste Geige, sie entscheiden jetzt über den Gang der Dinge. Deutschland: radikal föderalistisch. Ganz plötzlich kam es. Sachsen-Anhalt machte den Anfang und brachte eine Lawine in Gang, es schlägt die Stunde zur politischen Profilierung, und da steht Laschet gegen Söder, der Norden gegen den Süden. Und im großen Szenario stehen die USA gegen China. Russland hat sich überdehnt mit seinem Krieg in Syrien und rückt zurück in den Rang der kleineren Großmacht. Putin scheint wie gelähmt in Zeiten von Corona. Das Problem der Europäer: es gibt weltpolitisch keine verlässlichen Freunde mehr. Vielleicht Kanada, vielleicht Korea und Japan, vielleicht Neuseeland und Australien, vielleicht einige Andenstaaten. Die Zone der freien Welt ist kleiner geworden.

Mich berührt der gegenwärtige Weltmoment zutiefst. Ich spüre, dass wir gerade Geschichte erleben, wir stehen an einer Zeitenwende. Der Kampfplatz Virus beschleunigt den Gang des Geschehens, ich sehe mich wie auf einem Kork sitzend, der durch die Stromschnellen springt, dann unterzutauchen droht, aber schon ist der Kork schon stromabwärts unterwegs, in eine Zukunft hinaus, die er nicht kennt. So erratisch der Kurs des Kork, so verwirrt bin ich, denn ich ahne, dass sich die Welt zivilisatorisch gerade neu ausrichtet. Wie sie aussehen wird, die neue Welt oder, wie der Gouverneur von New York, Andrew Cuomo prägte: »The New Normal« - das weiß derzeit keiner. Die Geschichte hat uns und nicht umgekehrt.

Ich kann Ihnen aber sagen, wie mir zumute ist auf meinem Kork, der durch das Wasser treidelt. Mir ist – enthusiastisch, dann wieder skeptisch bis zur Hoffnungslosigkeit, und dann finde ich mich wieder in einem Vertrauen auf die Intelligenz unserer Spezies. Daran kann selbst Trumps Amerika nichts ändern, aber die Vision, dass das liberale gesellschaftliche Leben von zwei neuen Typen von totalitärer Herrschaft, der US-amerikanischen und der chinesischen, bedroht sein könnte, beunruhigt mich doch sehr. Dann wieder Vertrauen in die Stabilität der Institutionen, aber der erste Gedanke an die polnische und ungarische Erosion innerhalb der europäischen Familie rückt die politische Wirklichkeit wieder zurecht. Der Protofaschismus ist in Europa in mehreren Staaten angekommen, mit starken Persönlichkeiten, die erfolgreich auf die nationalistische Karte setzen. Orban, Kacynzki und Johnson bilden die europäische Ausgabe von Trump, Erdogan, Putin, Li Keqiang. Das ist eine reale Gefahr, sage ich mir, doch würde sich das autoritäre Virus nicht totlaufen bei heftiger Gegenwehr, bei Mobilisierung unserer Immunabwehr?

Darauf also hoffe ich. Das autoritäre Virus könnte sogar eine Sternstunde Europas bedeuten: Damals, so geht dann die Erzählung an unsere Nachgeborenen, damals fand Europa zusammen, weil es erkannte, dass es galt, Werte zu verteidigen, freiheitliche Werte, wie man so leichthin sagt, und das ist ja auch gar nicht falsch. Sie fühlen sich europäisch an, geboren und ausgebrütet in den Ländern seit der Aufklärung. Für mich sind es auch Bücher und Autoren, für mich ist es die Strahlkraft, die von Europa aus in die Welt geht, ich stehe da mitten inne im Licht Europas, und ich liebe gerade dieses Europa. Mir in meiner Generation wurde Europa  in der Schule durch den Seydlitz präsentiert – ich sehe gerade im Netz, es gibt ihn immer noch – , die großen Städte und Landschaften in Farbabbildungen. Früh fing es also an, dass uns Europa als weitere Haut angeschneidert wurde, und als Erwachsene pflegten wir sie, unsere europäischen Hautzellen, wir tragen ihr die Öle von Zivilisation und Kultur auf. Wir schätzen unsere Freiheiten, die Europa uns eröffnet. Gewiss, Europa auch hat dunkle Seiten, die Conquista, der Imperialismus und den Faschismus. Aber die Geschichte gibt Europa eine weitere Chance.

Es braucht, und das ist nicht wenig, den gestaltenden Willen dazu. Und der wiederum braucht gestaltende Persönlichkeiten. Große Zeiten bilden auch große Persönlichkeiten, heißt es. Welchem Europäer, welcher Europäerin trauen wir Europa zu?

 

 

 

Blick aus der Zukunft                       4. Mai 2020

Nein, nicht alles war schlecht damals, wer behauptet das? Ich möchte fair mit der Vergangenheit umgehen. Jetzt, wo wir wirklich durchatmen können, fünf Jahre nach dem schicksalhaften Jahr 2020, können wir, ja sollten wir auch das Positive der damaligen Lebensformen sehen, denn sie waren es schließlich, die uns zur Vernunft haben kommen lassen.

Vor Corona – nach Corona, so lautet nun das Kreuz unserer neuen Zeitrechnung. Fast ist es frivol zu sagen, ein Virus tauche auf und ersetze das historische Erscheinen eines Messias, den manche für den Gottessohn halten. Aber tatsächlich – Corona übt eine heilende Wirkung aus auf die Weltzivilisation. Es war, das darf ich nun in fünfjähriger Rückblende sagen, es war eine Zeit großer Entscheidungen. Aber die Zivilgesellschaft hat gewonnen. Sie hat Kursänderungen erzwungen, sie hat begonnen, die großen Monopole zu zerschlagen, und das alles ist ja erst ein Anfang. Selbst das Zwei-Grad-Ziel der Erderwärmung ist noch in Reichweite. Und es steht sogar zu hoffen, dass die Menschheit aus der überstandenen Pandemie bessere Wege beschreitet – im Wirtschaftlichen wie im Kulturellen. Wir sind heute  im Jahr 2025 humaner zur Biosphäre, und vielleicht formulieren wir in den nächsten Jahren die Rechte der Natur und setzen sie in die Verfassung ein.

So könnte es lauten aus dem Jahr 2025. Das wäre, wenn es denn so käme, schon sehr schön! Wir, heute im Mai 2020, hätten da einen rasanten Aufstieg vor uns, in Hoffnungen, die wir bislang nur träumten, fünfzig Jahre lang. In den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts ereignete sich nämlich nicht nur die neoliberale Wende des Kapitalismus, sondern es gab auch einen Kulturbetrieb, der eher im linksliberalen Spektrum zu finden ist bis heute. Fünfzig Jahre rege, umsichtige, aufgeklärte und wissenschaftsaffine Wortführer in allen Disziplinen. Zunehmend international vernetzt, mit wichtigen Gesprächspartnern an der amerikanischen Ostküste, in Australien und mit den Zivilgesellschaften des globalen Südens. Die letzten fünfzig Jahre sind unser zivilisatorisches Erbe. Seitdem reift das weltoffene Bewusstsein, zunächst in Schulpartnerschaften, und später dann in Erasmus-Programmen und Firmenpraktika – unterwegs in der Welt. Das ist ein gutes Erbe, das wir nun einbringen. 

Als also im Spätsommer 2020 virologisch das Schlimmste überstanden war, als uns nicht mehr die Sorge um das leibliche Leben drückte, besannen wir uns auf das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Leben, auf das unsrige wie auf das der Anderen. Seit der Corona-Krise werden die Wissenschaftler gehört, das war das entscheidende Novum im gesellschaftlichen Lauf. Früher kamen sie über die Rolle von Warnern nicht hinaus, jetzt wird um ihre Expertise gebeten beim Transformationsprozess. Es ging beileibe nicht ohne harte Bandagen ab, von Frühjahr bis Herbst 2020 tobte ein Beteiligungspoker um den Staat, der als alleiniger Retter in der Krise auftrat. Die öffentliche Meinung drängte die Regierung dazu, ihre Kredite nur transformationswilligen Unternehmen zu gewähren. An den wirtschaftlichen Folgen der Depression musste sich auch der Finanzsektor beteiligen, es war vorbei mit Steueroasen, Leerverkäufen, Aktienrückkauf und Managerboni. Es war vorbei mit dem Selbstbereicherungssystem Casino-Kapitalismus, und das riss weitere Wirtschaftszweige mit sich. Wo früher der Widerstand der Lobbyisten für schier unüberwindlich galt, so schmolz er nach Corona dahin wie Butter in der Sonne.

Ich gebe zu: ich schildere die positiven Ereignisse sehr aus eurozentrischer Perspektive. Aber auch in den USA veränderte sich das politische Klima nach der Abwahl von Donald Trump sehr zum Besseren. Die Europäische Gemeinschaft gewann an Einfluss gegenüber den Mitgliedsstaaten, Internationalismus setzte sich gegen den Regionalismus durch, und knapp zwei Jahre nach Corona verabschiedete die EU ihr Euro-African-Partnership-Programm, jenes gigantische 5-Billionen-Projekt, mit dem die Europäische Union begann, sich zur ökologischen und zivilisatorischen Schuld an Afrika zu bekennen. Ohne ein prosperierendes Afrika könne es keine Zukunft für die Menschheit geben, das blieb nun kein Lippenbekenntnis mehr. Man konnte auch mit den Ortskenntnissen vieler NGO’s punktgenauer die Investitionen in afrikanische Zukunft platzieren, Direkthilfe statt Gießkanne, an deren Hauptstrahl sich vor Corona nur allzu oft die korrupten Eliten bereicherten. Endlich kamen bei uns und anderswo auch diejenigen Stimmen zu Wort, die früher ideologisch diskreditiert wurden. Das Wort vom Systemwandel gilt nicht mehr als Kampfbegriff, auch wenn der öffentliche Diskurs den Begriff des Transformationsprozesses bevorzugt, um die anstehende Radikalität der Veränderungen zu beschwichtigen. Es schlägt nun die große Stunde der wertorientierten Geistes- und Sozialwissenschaften, sie gewannen an Ansehen, sie spielten mit im Konzert der Transformationsstimmen.

Dabei ist alles noch Anfang. Aber die gesellschaftliche Vernunft reitet nun auf einem Momentum, auf einer Dynamik, in der die wirtschaftlichen Partikularinteressen sich dem Gemeinwohl unterzuordnen haben. Heute, fünf Jahre nach Corona. Und ich halte mich bereit, in weiteren fünf Jahren aus der »Werkstatt des Neuen Lebens« zu berichten, dann in 2030.

 

 

 

New New Deal                                2. Mai 2020

So langsam, finde ich, wird es Zeit, die Zukunft zu gestalten. Wir befinden uns kurz vor dem Öffnen unserer Türen, Schritt um Schritt wird gelockert, doch dann wieder: Maskenpflicht. Aber bald wird er losbrechen, der große Kampf um Milliardensummen steht uns bevor, ein Subventionskrieg vielleicht, auf jeden Fall kommt bald die große Rechnung. Denn eines ist gewiss: es wird sehr sehr teuer werden. Wie die Welt mit all diesen Spannungen fertigwerden kann, Norden und Süden, Westen und Osten, – das lässt sich heute kaum erahnen. Wir stehen an einer historischen Epochenschwelle.

In den letzten gut einhundert Jahren haben sich solche Epochenschwellen eigentlich nur zwei Mal ereignet: 1945 und 1989. Und nun, vom selben Kaliber, 2020. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte der Westen einen beispiellosen Schub. Wiederaufbau, Wirtschaftsboom, große Erfindungen und Europäische Gemeinschaft, und das alles unter amerikanischem Nuklearschild. (Aus DDR-Perspektive liest sich ein anderes Narrativ.) 1989 brach das sowjetische  Imperium zusammen, seitdem geht der Kapitalismus global. 1945 und 1989 veränderten den Gang der Weltgeschichte.  Und 2020? Seitdem befindet sich die Welt im Krisenmodus, und aus dem kommen wir aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht mehr heraus. Wir fiebern. Wir stecken ganz tief in der Klemme. Wir stolpern von Krise zu Krise, wir sind ohne Steuerung, wir reagieren auf die Krisenwellen, aber wir agieren nicht mehr.

Wir brauchen eine Neuordnung unseres Systems, wenigstens aber eine deutliche Kurskorrektur. Das geht weit über Corona hinaus, oder besser gesagt: Corona ist ein Symbol, ein Menetekel gar, Corona meint ganz grundlegend das Verhältnis von Natur und Mensch. Denn dort wütet Corona, und das Virus hat es erstaunlicherweise geschafft, das gesamte wirtschaftliche und soziale Leben der Menschheit aus dem Gleis zu heben. Auf dem Gleisschotter legen wir gerade eine Vollbremsung hin. Die größte Weltwirtschaftskrise seit der Großen Depression, und das war vor 90 Jahren.

In Amerika hatte Franklin D. Roosevelt in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts fast einen neuen Gesellschaftsvertrag ausgehandelt, den New Deal. Damit fand Roosevelt eine Antwort auf die Weltwirtschaftskrise. Er justierte das System neu aus, egalitärer als das alte, die Einkommen glichen sich an bis in die späten 80er Jahre. Das waren die goldenen Jahrzehnte Amerikas, die der Film so gern erinnert. Doch dann, unter neoliberaler Herrschaft, zündete  der Kapitalismus seine vorerst letzte Stufe, er schaltete seinen Turbo dazu. Eine Generation später fährt dieser Zug nun gegen die Wand. Zwangshaft für eine Wirtschaftsordnung, die niemals pausieren darf, denn das Gesetz, nach dem er angetreten ist, lautet Unrast, Nervosität und der stete Blick nach dem Geschäft. Doch nun: Alle mal herhören: Pause!

Wir brauchen jetzt wir einen New New Deal. Er ist ein Green New Deal, aber mit einem dicken sozialen Plus. Wir brauchen eine Revision unseres Gesellschaftsvertrages, auch das muss auf den Tisch. Da sind nämlich ein paar sehr gravierende Fehler entdeckt worden, Unwuchten, die sich dann gegenseitig hochgeschaukelt haben, das ganze System ist ins Schlingern geraten. Davon berichten Wissenschaftler aller Couleur, detailreich und überzeugend, und sie präsentieren eine lange Fehlerliste. Sie beginnt beim Finanz- und Steuersystem und erstreckt sich über nahezu alle  Bereiche unseres Lebens: Landwirtschaft und Ernährungsgewohnheiten, Industrie und Handel, Mobilität, alte und neue Medien, Technologie und Technikrisiken, Pflege, Versorgung  und vieles mehr. Im wirtschaftlichen Pausenmodus finanzieren sich viele dieser Geschäftsfelder nicht mehr aus eigenen Ressourcen. Sie werden von der Gemeinschaft finanziert, und damit erwirkt sich ebendiese Gemeinschaft das Recht, ein neues  ökonomisches Modell einzufordern. Und weil die Kosten der gegenwärtigen Krise über Gebühr von den jüngeren Jahrgängen getragen werden müssen, gebieten es Fairness und Generationengerechtigkeit, den Stimmen der Jüngeren besonderes Gewicht zu verleihen.

Die Gegenwart scheint günstig, solche und andere, damit verwandte Fragen zu stellen. Es sind Fragen nach der Zukunftsfähigkeit unseres wirtschaftlichen, sozialen und moralischen Lebens. Sie greifen tief ins Fleisch der Gesellschaft, und dabei erspüren sie mache dicke Fettschicht. Wie immer der Kapitalismus zu reformieren ist, eine Fettabsaugung tut Not.

 

 

 

Dank                                                                          26. April 2020

Heute ist der 90. Tag seit dem ersten Covid-19-Ausbruch in Bayern. Seit vier, fünf Wochen steht die Welt still, so jedenfalls empfinden es die Bürgerinnen und Bürger in Europa, und bald darauf folgte die gesamte Welt. Die Bilder aus den norditalienischen Hospitälern waren ein Menetekel, ja ein Armageddon, ein kleiner Weltuntergang im Video-Format.

Die Staaten verordneten ihren Bürgerschaften ein Bewegungsverbot. Alles bleibe von nun an hier an diesem Ort, das ist Dekret, und zwar weltweit. Geschichtlich sicher einmalig, das hat es nie zuvor gegeben. Die Staaten verordneten ihren Bürgerschaften ein Raumverbot. Der öffentliche Raum wurde abgesperrt, um die Verbreitungschancen der Viren zu minimieren. Das gesellschaftliche Leben wurde heruntergefahren, und dafür mussten die Staaten, und sie müssen es weiterhin, da ist noch gar kein Ende absehbar, die Staaten also stehen in einer Bringschuld. Sie müssen die Krise meistern, irgendwie, sie müssen Hoffnungen wecken und sogar ein Versprechen abgeben.

In Zeiten wie diesen scheint es mir ratsam, sich dankbar daran zu erinnern, dass man eine Bürgerin oder Bürger von Europa ist. Und in Europa selbst liegt die Zone der fürsorglichen Staaten eher im leistungsstarken Norden, und so spreche ich, nur für mich, einen Dank aus: In einer welthistorisch bislang einmaligen Stunde hat die deutsche Regierung sehr viel an Verantwortungsbereitschaft gezeigt. Mit breitem Gießkannenstrahl ergießen sich die Euromilliarden über die Gesellschaft, wirtschaftliche Insolvenzen sollen vermieden werden, möglichst unversehrt soll alles aus der Krise hervorgehen. Dafür hat sich die Gesellschaft sehr zivilisiert, nein besser: sehr diszipliniert gezeigt. Aber die Disziplin wird ja getragen von einem sehr tiefen Einverständnis, das die Zivilgesellschaften Europas mit ihrem Staat haben. Und der Staat zeigte sich sehr schnell im Handeln. Wer das bezweifelt, schaue nach England und Amerika, von Indien und Südafrika mal ganz abgesehen: Wir leben in einem intakten Gemeinwesen.

Mein Dank geht auch an diese Gesellschaft, die so viele bunte Strähnen im Haar trägt, und die dann zu einem gemeinsamen Willen fähig ist. Zu beiden – Staat wie Gesellschaft – hatte ich als junger Student mit Anfang Zwanzig ein eher gespanntes, wenn nicht sogar gleichgültiges Verhältnis. Ich hielt es mit einem Zitat, das Robert Musil seinem Romanhelden Ulrich in den Mund legte und das in etwa lautete: Er, Ulrich, erhebe in einem Staat den Anspruch auf freundliche Behandlung, genauso wie in jeder Concierge eines Hotels. Und ja, das passte für mich zum schmalen Handtuch, den die alte Bundesrepublik in die Geographie Europas zeichnete. Ein schmales Handtuch mit einer Verwaltungshauptstadt am Rhein. Als ich in Indien lebte, änderte sich mein Verhältnis zum Staat. Ich lernte den immensen kulturellen Wert unseres deutschen Rechtsstaates schätzen, vorbei war das mit dem Handtuch. Staat, Gesellschaft und öffentliche Meinung machen ein feines Gewebe, und in der Krise rücken die gesellschaftlichen Kräfte zusammen, man ist sachorientiert, die Fakten wiegen schwerer als das Parteiengezänk. Wer das bezweifelt, schaue auf Brasilien, die USA, auf das Vereinigte Königreich Großbritannien, auf Ungarn. Uns zeichnet ein starker Gemeinsinn aus, wer hätte das gedacht nach all den Skandalen, die sich die politische und wirtschaftliche Elite geleistet hat in den letzten Jahren. An diesen Gemeinsinn geht mein Dank.

Der Gemeinsinn ist das stärkere soziale Band als der Patriotismus. Der Patriotismus versagt in der Krise, sein Vokabular zu abstrakt, zu gemeinsprüchig, zu hohl. Keine starken Sprüche helfen in einer solchen Weltkrise, es braucht Expertenwissen und eine Politik, die darauf hört. Keine Pressekonferenz des Weißen Hauses schüchtert das Virus ein, die Dinge werden vor Ort entschieden, da, wo das Virus wütet. In der Verantwortungsgemeinschaft der Bürger und ihrer Institutionen, in einer intakten Gesellschaft mit einem übergreifenden Konsens. Gemeinsinn ist integrativ, Patriotismus dagegen setzt auf Ab- und Ausgrenzung. Und weil ein Virus sich nicht entlang ideologischer Grenzen bewegt, wird bei einer Pandemie die patriotische Waffe stumpf.

Trumps Amerika (das keineswegs Amerika ausmacht) oder Bolsonaros Brasilien (das ebenfalls nur eine häßliche Karikatur der Macht ist) machen uns vor, was auch möglich wäre. Wir können dankbar sein, das uns ein solches Elend erspart bleibt.

Das entlastet  uns aber nicht davon, den Gemeinsinn zu pflegen. Im Gegenteil: nur wenn es uns gelingt, uns lautstark einzubringen, um unser gesellschaftliches Leben einer grundlegenden Revision zu unterziehen,  nur dann bleibt der Gemeinsinn lebendig. Doch davon nächstens mehr.

 

 

 

Kinder                                            23. April 2020

Heute Morgen las ich über mein Frühstücksbrötchen gebeugt in der ZEIT einen Artikel, der den Blick auf eine Spezies lenkt, die in den letzten Wochen des Lockdowns kaum wahrgenommen wurde: die kleinen Kinder. Und wenn doch von ihnen im aufgeregten Virendiskurs die Rede ist, dann überwiegend nur in versetzter Perspektive: Schule, Kindergarten oder die gestressten Eltern beim Homeschooling ihrer Kleinen. Doch wie steht es um ihre eigene Wahrnehmung? »Große Leute können die Krise meistern, indem sie auf deren Ende hoffen. Kleine können das nicht, sie leben im Jetzt.« (Johanna Schoener in der ZEIT vom 23.04.2020)

Es ist viele Jahre her, dass meine beiden Kinder klein waren. Wir, die Eltern, lebten damals in einer völlig anderen semantischen Welt. Es war die Welt des Sorgens und Besorgens, des Organisierens, des abendlichen Vorlesens. Es war eine Welt, durch die immer wieder der frische Wind eines Fragens wehte, der uns Eltern eine ungewohnte Beleuchtung auf die Dinge warf. Wer hat die kleinen Steinchen in den Teer hineingehämmert? Welches Auto schaut fröhlich aus seiner Frontpartie und welches traurig oder wütend? Und dann die Klassiker: Wenn ich die Augen schließe, ist die Welt dann noch da? Ist Gott, der die Welt erschaffen hatte, nicht schon lange tot? Eltern kennen diese und andere Fragen, und zum größten Glück der Elternschaft gehört wohl, sich auf sie einzulassen, lustvoll mitzuspielen und sich in einem Beziehungsgewebe zu bewegen, das ihnen andere Augen öffnet. Eltern können dann eine ungewohnt liebevolle und zärtliche Begegnung mit dem machen, was da draußen existiert und was – ja, aus Kindermund! – emotional und nicht abgestanden verstanden sein möchte. Aber irgendwann, und das geschieht sehr bald, drängen sich uns Erwachsenen auch die peinlichen Lebenslügen auf, an die wir uns gewöhnt haben. Noch heute sehe ich das empörte Gesicht meiner damals vielleicht achtjährigen Tochter vor mir, die gerade einen Film über das qualvolle Verenden von Delphinen in Fischernetzen gesehen hatte: »Wie könnt ihr nur Fisch essen! Gerade ihr, meine Eltern!«

Die explorative Kraft ihrer Weltaugen macht gerade Kinder seelisch sehr verwundbar. Ich sehe eine Mutter mit ihrem Kind, beide mit Mundschutz bewehrt, durch die Straßen unserer Stadt laufen. Und ich stelle mir vor, was durch den kleinen Kopf geht: Vielleicht hat die Mutter dem Kind erklärt, man müsse die anderen vor Infektionen schützen. Die anderen? Vor mir? Aber ich bin doch gesund! Wie soll das Kind mit statistischen Wahrscheinlichkeiten umgehen, wenn sogar viele Jugendliche, die nachmittags im Stadtpark in Gruppen auf dem Gras liegen, dazu außerstande sind? Dann mal andersherum: Du musst dich vor den anderen schützen! Ja, sind die denn gefährlich für uns? Welch’ dunkler Raum öffnet sich da der Kinderseele, der sich füllt mit einem Krankheitstrauma, das in den Mitmenschen eine Quelle des Unheils sieht? In abgemildeterer dramatischer Abschattierung erlebe ich Ähnliches, wenn ich mich auf dem Wochenmarkt geduldig in eine Schlange einreihe und die maskierten Bürger betrachte, die in sich gekehrt den infektiösen Raum durchqueren. Das ist wohl übertrieben, aber doch richtig, sage ich mir dann und wäge damit persönliche Gefährdung und statistische Verlaufskurven ab, zwei Posten, die ich als erwachsener Mensch zu unterscheiden vermag, ohne mich dabei in einem nennenswerten Widerspruch zu verstolpern. Kleine Kinder aber, glaube ich, sind dazu nicht in der Lage, weil ihr Horizont der einer freundschaftlichen Welt ist. Zugegeben, sie kennen auch Feinde, die Raufbolde im Kindergarten etwa. Aber dann ist da wieder die Familie als bergender Raum.

»Traumtänzer, bürgerlicher!«, höre ich von der Seitenlinie. Wie stehe es mit den dysfunktionalen Familien? Siebzig Quadratmeter für vier Personen? Hochhaus, Plattenbau, und unten am Spielplatz flattern rotweiße Absperrbänder im Frühlingswind. Nachtseiten unserer Gesellschaft sind es seit jeher, doch nun, in Zeiten von Corona, wirft die härtere soziale Gangart längere Schatten im Zwielicht gesellschaftlicher Räume, die dem öffentlichen Blick entzogen sind.

»Leave no one behind« lesen wir derzeit an Häuserwänden und Stadtbrunnen. Viele zivilgesellschaftliche Organisationen haben mit diesem Aufruf zu internationaler Solidarität aufgefordert, so etwa die ›Seebrücke‹. Er gilt den Flüchtlingen in den griechischen Lagern ebenso wie den rassistischen Verhärtungen in den Gesellschaften des Westens. Er gilt allen Schwachen, ungeteilt und unabhängig von Geschlecht und Herkunft. Ich möchte ihn ganz besonders auf die Kinder richten, denn in ihren Seelen formatiert sich, wie unser aller Zukunft aussehen wird. Ob wir in Gesellschaften leben werden, die von einem gemeinschaftlichen Geist durchweht sind, oder ob wir uns schichten in Gewinner und Verlierer.

 

 

Scham                                            21. April 2020

Manchmal können sehr alte Texte ein Augenöffner sein. So berichtet Platon in seinem Dialog Protagoras, der Göttervater habe sich besorgt gezeigt ob des wüsten Treibens der noch jungen Menschheit. Dort auf der Erde schlugen sich die Menschen, sie begegneten einander mit Hass, Neid und Hinterlist. Zeus schickte seinen Götterboten Hermes hinunter, damit er sie mit der sittlichen Scham impfe. Ob er es so machen solle wie mit den Fertigkeiten, fragte Hermes seinen Boss, nämlich in ungleicher Verteilung? Ein Arzt reiche doch für viele andere, nicht jeder müsse also über ärztliche Kompetenz verfügen, und ebenso sei es mit den Handwerkern bestellt. »Verteile die Scham unter alle«, erwiderte Zeus, »und alle sollen teil an ihr haben. Denn es könnten keine Staaten zustande kommen, wenn nur wenige ihrer teilhaftig wären, so wie bei den anderen Künsten. Ja, gib sogar das Gesetz in meinem Namen, dass man den der Scham und Gerechtigkeit Unfähigen als einen Krebsschaden des Staates vertilge!«

Die Mythologie verfügt über den unschätzbaren Vorteil, aus olympischer Höhe das Geschehen überschauen zu können. Oder, so korrigieren psychologisch versierte Mythenforscher, aus der tiefsten Tiefe unserer Seele. Ich persönlich gebe den Letzteren meinen Kredit. Und ja, gerade wir Deutschen haben in der jüngeren Geschichte unsere Erfahrungen mit kollektiver Scham gemacht. Wir wissen, wie scharf ihre Säure ist, mit der sie sich durch die Generationen frisst. Und da ist es keine schlechte Übung, den Sprung über den Coronatag zu wagen, um zu imaginieren, wie wir aus den Augen der heutigen Kinder betrachtet werden und welche Urteile sie fällen werden über unsere moralische Integrität. Wie also war es damals, als das Virus wütete, mit unserer Hilfsbereitschaft bestellt? Welchen Radius hatte unsere Solidarität? Was ist aus Europa geworden, und was mit der so oft mit stolzem Brustton zitierten Internationalen Gemeinschaft?

Nach anfänglichem Zögern wurden schwerkranke Patienten aus Italien und Frankreich in unsere Kliniken geflogen. Doch zuvor kamen die Chinesen und die Russen mit Frachten von medizinischem Material und pflanzten medienwirksam ihre Fahnen auf die Kisten. »Es ist unbestritten: Italien war allein«, sagte der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung vom 21. April. »Ja, es ist wahr, dass niemand wirklich dafür bereit war. Es ist auch wahr, dass viele nicht rechtzeitig da waren, als Italien zu Beginn eine helfende Hand brauchte«, so entschuldigte sich die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Namen Europas. Das Echo in den italienischen Medien dem deutschen Verhalten gegenüber war und ist verheerend. Alte Ressentiments gegen den mächtigen Nachbarn aus dem Norden brechen auf, als »Hitlers Enkel« beschimpft Elio Lannutti, ein Politiker der Cinque Stelle, die Deutschen. Umgekehrt warnen Kolumnisten und Politiker des Nordens davor, Euros in der mafiösen italienischen Gesellschaft zu versenken. Im rauen Ton zwischen dem Norden und dem Süden verflüchtigt sich der europäische Geist. Im saarländischen Kleinbittersdorf werfen Deutsche mit Eiern nach den Franzosen und beschimpfen sie als »dreckige Franzosen«: zurück mit Euch ins »Corona-Frankreich«! Auch wenn es Einzelfälle sind – sie lassen nationalistische Ressentiments aufleben, die man längst überwunden glaubte im europäischen Haus. Ja, werden wir unseren Kindern und Enkelkindern sagen müssen, dafür schämen wir uns noch heute. Dass wir den moralischen Schaden schlichtweg ignoriert haben, als es darum ging, mit europäischen Anleihen ein solidarisches Zeichen zu setzen, anstatt buchhälterisch den Stift zu zücken. Dass es uns nicht in den Sinn kommt, die strukturelle Ungerechtigkeit der Eurozone zu reparieren. Dass der Norden seine Vorteile einfach nur aussitzt, dass Geben und Nehmen nicht mehr im Gleichgewicht sind.

Vor drei Tagen kamen 47 unbegleitete Kinder aus dem Flüchtlingslager Moria im Landkreis Osnabrück an, nach wochenlangem Kompetenzgerangel zwischen Innenministerium und Europäischer Kommission. Ursprünglich sollten es 1500 Kinder sein, die eine ›Koalition der Willigen‹ aus dem Corona-gefährdeten Lager herausholen wollte, und selbst diese Zahl war schon eine Reduktion von ursprünglich angemahnten 5000 Kindern und Jugendlichen, die in den Lagern Gewalt und sexuellen Übergriffen recht schutzlos ausgeliefert sind. Zudem haben diese jungen Menschen auf der Flucht aus Afghanistan, Syrien und Eritrea ihre Eltern verloren und gerieten zum Teil jahrelang in die Wirren von Bürgerkriegen, Schlepperbanden und Deportationen. Sachsen-Anhalts CDU-Chef Holger Stahlknecht hält die Aufnahme der Kinder aus Moria für »derzeit absolut unangemessen«, für »deplaziert» und »weder politisch noch gesundheitlich tragbar.« Europa, eine Wertegemeinschaft, die sich den Jubelchor der 9. Symphonie Beethovens zur Europahymne erkoren hat mit dem Text Schillers aus der Ode an die Freude: »Freude, schöner Götterfunken, / Tochter aus Elysium, / Wir betreten feuertrunken, / Himmlische, dein Heiligtum. / Deine Zauber binden wieder, / Was die Mode streng geteilt, / Alle Menschen werden Brüder, / Wo dein sanfter Flügel weilt.«

Nun gut, werden Sie sagen, das alles ist doch weit weg. Wie sieht es in der Nähe aus? Dazu nur ein Beispiel: In einem benachbarten Haus verkauft der Apotheker der Rats-Apotheke in Esslingen Schutzmasken, die er eigens aus der Schweiz importiert. Schöne Stücke in farbigem Tuch, zwar ohne Ventil und Zertifikat, aber man könne da noch in einen eigearbeiteten Schlitz eine Damenbinde hineinstecken, sagt mir eine Dame, die in der langen und disziplinierten Schlange ansteht. Der Preis? Normalerweise ein paar Cent. Jetzt: 16 Euro das Stück.

Ja, die Liste ist lang. Meine nichtgeborenen Enkel hören mir immer noch zu. Und auch Sie, verehrte Leserin und Leser. Vielleicht, so denke ich und hoffe dabei, Sie im Boot zu haben, vielleicht wenden wir uns von unseren eigenen Sorgen mal einen Moment ab und widmen der freigewordenen Zeit einen Augenblick des Schämens.

 

 

 

Kleine und große Irrtümer               15. April 2020

In seiner Einleitung zur ›Phänomenologie des Geistes‹ warnt Georg Wilhelm Friedrich Hegel eindringlich davor, von der Wissenschaft zu erwarten, sie müsse fehlerfrei operieren. Die wissenschaftliche Erkenntnis, so bringt er es in ein optisches Bild, sei wie ein Lichtstrahl, der, wenn er durch ein Medium dringt, eine Brechung erfährt – und es nütze nichts, wenn man in Kenntnis der Brechungsgesetze den Winkel der Abweichung im Resultate korrigiere, denn es sei der Strahl selbst, wodurch die Wahrheit uns berührt: „Dass diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist.“

Heute prangt Hegels Zitat in Leuchtschrift an der Eingangsfassade des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Manchen Stuttgart-21-Befürwortern galt und gilt er als philosophischer Einspruch des berühmtesten Sohnes der Stadt gegen die Bedenkenträger des Großprojektes. Man könnte mit Hegels berühmtem Satz aber auch das gesellschaftliche Handeln in der Corona-Krise kommentieren. Denn gegenwärtig fahren die Zivilisationen rund um den Globus »auf Sicht« und »ohne Drehbuch«, so lauten zwei sehr treffende Metaphern. Irrtümer bleiben da nicht aus. Hegel wusste das, ja er machte geradezu den Irrtum salonfähig, weil er, Hegel, ihn, den Irrtum, zum produktiven Motor des Erkennens machte. Auch Hegel fuhr »auf Sicht«, aber, und das markiert den entscheidenden Unterschied zu uns Heutigen, Hegel vertraute darauf, dass die Vernunft dabei das Drehbuch schreibt. Und er setzte dazu auf die Reflexionskraft der Vernunft, die die kleinen Fehler durchschaut und sie auf diese Weise in den Fortschritt des Menschengeschlechtes hineinwebt.

Befinden wir uns heute noch in Hegels vergleichsweise komfortabler Lage? Zweifel sind angebracht. Die Covid-19-Pandemie zeigt uns im Zeitraffer, mit welchen Problemen wir in naher Zukunft zu kämpfen haben. Probleme, die zu großen Irrtümern auswachsen können, wenn wir jetzt nicht achthaben. Die Weltkrise ist ein Testlauf für das Kommende, eine Simulation einer drohenden Katastrophe epischen Ausmaßes. Sie zeigt uns, welche Optionen wir noch haben und welche schon verspielt sind. Und sie zeigt uns auch, welchen Preis uns die verbleibenden Handlungsmöglichkeiten abfordern. Ja sicher, es wird weiterhin menschliches Leben auf der Erde geben, für viele, aber wie wird es aussehen? Spielen wir das Szenario einmal kurz an einem einzigen Gesichtspunkt durch.

Der weltweite Lockdown parzelliert die Weltgemeinschaft entlang nationalstaatlicher Grenzen, und weitere Grenzen schneiden tief in das soziale Fleisch jeder Gesellschaft und separieren jung von alt, Armut von sozial Privilegierten, Gewinnern von Verlierern. Grenzen sichern Unterschiede, sie müssen verteidigt werden. Sicherheit wird zum tragenden Rational der Gesellschaft. Welcher Raum bleibt der Freiheit, die einst, seit dem Beginn der Neuzeit, die Legitimationsgrundlage gesellschaftlichen Lebens war? Vielleicht überlebt sie im Vokabular einer Sicherheitsgesellschaft, vielleicht war Freiheit in ihrem gesellschaftlichen Kleid immer schon ein wenig Fake, vielleicht lässt sich bei verbesserter Verblendungsanstrengung da noch mehr polieren, und vielleicht fällt sogar manchem Intellektuellen dazu noch ein schräges Argument ein. Die totalitären Gesellschaftsexperimente bieten da ja manches an, man müsste es nur auf die neue Weltlage kopieren, in der das Überleben zum Grundwert geworden sein wird. Aber wenn es denn tatsächlich dazu kommen sollte, Freiheit, Solidarität und Mitgefühl auf dem Altar der ausgrenzenden Sicherheit zu opfern, dann wird die Menschheit wieder ein Herdendasein führen wie einst, bevor sie in das Stadium der Zivilisation getreten war. Die sozialen Netzwerke haben in den letzten Jahren schon einiges an Pilotfunktion geleistet für eine parzellierte Ethik, die im Anderen einen Virenträger sieht, der mich mit seinem Elend anstecken könnte.

Noch sind wir nicht so weit. Die Vernunft kann aus der simulierten zivilisatorischen Katastrophe lernen. Noch haben wir es in der Hand, unsere eigene Gesellschaft umzubauen und – unser wirtschaftliches und kulturelles Kapital im Rücken – auch der Weltgesellschaft wichtige Impulse zu geben. Die kleinen Irrtümer liegen uns deutlich vor Augen: den Einzelhandel stärken und auf die perversen Bequemlichkeiten des Online-Handels zu verzichten. Aus den Immobilien nicht das Marktmaximum herauszupressen. Unsere Lieblingskneipe, unser kleines privatwirtschaftliches Theater über ein Crowdfunding unterstützen wie es etwa Startnext oder 99 Funken anbieten. Viele kleine Irrtümer, die wir in den letzten Jahren begangen haben, lassen sich mit eigener Initiative korrigieren.

Die mittelgroßen Irrtümer sind schwerer zu kurieren. Sie liegen in der strukturellen und organisatorischen Unwucht der Gesellschaften. Sie betreffen Steuergerechtigkeit und Steuerflucht, Kapitalzugänge, Verkehrs- und Infrastrukturpolitik, ein sorgfältigeres Abwägen von Investitionen im Hinblick auf Gemeinwohl und Naturverbrauch, eine kritische Bestandsaufnahme von Ungleichheit und Gerechtigkeitsdefizite und manches mehr. Da stehen viele Üblichkeiten zur Revision an. Aber der Krisenschock, der jetzt durch die Gemeinschaften gefahren ist, könnte die Gunst einer glücklichen Stunde, einen Kairos, bedeuten. Wir könnten jetzt verstehen lernen, dass uns individuelle Lösungen mehr schaden als nützen. Zugegeben, das wird aus freien Stücken, dem individuellen goodwill anheimgestellt, nicht glücken, dazu bedarf es gesetzgeberischen Handelns. Große Vermögen und üppige Pensionen sollten zu solidarischen Abgaben verpflichtet werden.

Die wirklich großen Irrtümer aber sind die ganz harten Nüsse, denn sie verlangen ausgleichenden Verzicht von den reichen Nationen. Eine neue Weltwirtschaftsordnung, ein verändertes Konsumverhalten, die Liste ist lang und bekannt. Sie enthält die schweren Fehler, die wir begangen haben, wider besseres Wissen, denn bislang waren wir die Profiteure der technologisch-ökonomischen Entwicklung der letzten Jahrhunderte. Das größte Problem aber ist eines, das keinen eigentlichen Irrtum darstellt: Der unleugbare Tatbestand, dass wir viel zu viele sind. In Afrika wird sich den Prognosen zufolge die Bevölkerung bis 2050 auf zwei Milliarden Menschen verdoppeln. Indien wird noch einmal um 30% zulegen auf dann 1,7 Milliarden. Weltweit muss unser Planet dann knapp 10 Milliarden Menschen ernähren, heute zählen wir schon 7,7 Milliarden. Doch das sind nur kalte Zahlen, Nahrung für Statistiker. Dahinter verstecken sich die Einzelschicksale, die Frauen etwa, die in der Sahelzone mehrere Kilometer bis zur nächsten Wasserstelle laufen. Oder die indischen Wanderarbeiter, die bei Verhängung des Lockdowns wie Abwasser behandelt würden, das aus einer Fabrik abgelassen wird, wie die indische Schriftstellerin Arundhati Roy mit ergreifender Bitterkeit schreibt. Es muss der gesellschaftlichen Vernunft gelingen, den Teufelskreis zu durchbrechen, in den die Familien traditioneller Kulturen gefangen sind, wo auf die Kraft der vielen Kinder gesetzt wird, um das wirtschaftliche Überleben zu sichern. In Niger, Mali, Somalia, Tschad und Nigeria gebären die Frauen 6-8 Nachkommen.

Eng verbunden mit diesem Bevölkerungswachstum ist der exorbitante Landschafts- und Naturverbrauch. Aber hier, an dieser Stelle, kommen wieder die Profiteure in den Blick, die reichen Nationen, die den größten Anteil am Naturraub nehmen durch ihren, durch unseren ökologischen Fußabdruck. Das wäre ein eigenes Thema, hier nur so viel: auch hier gibt es die kleinen, individuellen Lösungen. Teilen statt besitzen etwa, und: muss es schon wieder eine Kreuzfahrt sein? Beglückt es nicht eher zu wissen, dass man mit seinem Handeln Richtiges tut statt Falsches, das man sich selbst nicht zugeben darf? Beschädigen wir nicht durch beständiges Leugnen unserer Handlungsfolgen nachhaltig unseren seelischen Haushalt?

 

 

 

Ethik, zweiter Versuch                                 11. April 2020

Es entspricht wohl unserer heutigen Auffassung, Legalität mit Moralität nicht gleichzusetzen. Dabei folgen wir Immanuel Kant, der meinte, niemals könnten Gesetze des Rechts das unbedingte Sollen abbilden, das der Kategorische Imperativ vorschreibt. Das hat noch nicht viel mit  der Corona-Pandemie zu tun. Mit G.W.F Hegel aber kommen wir ihr näher. Nein, nicht der Umstand ist dabei entscheidend, dass der artistischste Denker der Philosophiegeschichte im Jahr 1831 an der Cholera-Epidemie starb, die damals Europa heimsuchte. Eher ist es seine Staatsphilosophie, die gerade ein verhaltenes Comeback erfährt, und das weltweit.

Hegel hing nämlich der Vision an, die Zivilisationsgeschichte der Menschheit schreite über viele Steine hinweg zu einem Zustand, in dem die Kulturleistungen sich vernünftig vollenden. Von bloßer Meinung zu vollgültiger wissenschaftlicher Erkenntnis, vom religiösen Animismus zum geistvollen christlichen Gott, von der Barbarei der Sklavenhaltergesellschaften zum bürgerlichen Staat. Alles eine beeindruckende Geschichte des Fortschritts, in deren Verlauf die Vernunftvisionen der Philosophen schlussendlich verwirklicht werden in den Wissenschaften und in der Form des gemeinschaftlichen Lebens. Denn jede einzelne Person, meinte Hegel treffend, bedarf eines gesicherten Raumes wechselseitiger Anerkennung, um ihr Potenzial zu entfalten. Ja mehr noch, denn es sind ja die Personen selbst, die über die Generationenketten Rechts- und Organisationsräume etablieren, und in Vollendung gedacht – oder doch nur gehofft? – fällt das moralische Bewusstsein mit dem Rechtsstaat in Eins. »Der Staat ist die Wirklichkeit der sittlichen Idee«, heißt es im § 257 seiner Rechtsphilosophie. 

Nun, das sind philosophische Konzepte. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger, denn in Krisenzeiten erweist sich tatsächlich, wie gesund und fest das moralische Skelett eines Staates ist, und wie viel Fleisch sein sittlicher Blutkreislauf am Leben erhalten kann. Sind es die großen Muskelstränge aus Airlines, Automobilindustrie und Warenhausketten? Oder auch die kleinen Körperglieder, die Gastwirte, die Friseure, die Imker, die Reitschulen? Die finanziell schmalbudgetierten Startups?  Die Liste ist lang und zeigt uns die Gesichter unseres gesellschaftlichen Lebens. Der Staat greift augenblicklich vielen unter die Arme und verschuldet sich in schwindelerregender Höhe. Wir erleben, wie schon während der Finanzkrise vor einem Jahrzehnt, die starke Stunde des Staates auf der Bühne der handelnden Akteure. Damals stützte er die systemrelevanten Banken, heute dehnt er seine Verantwortlichkeit auch auf den Mittelstand, ja sogar auf die Einzelkämpfer aus.

Nun gestalten sich, zweihundert Jahre nach Hegels Staatsphilosophie, die Dinge grundlegend komplexer. Die Institutionen, auf die schon Hegel setzte, organisieren nicht mehr nur Bildungswesen, Gesundheit, Rechtspflege, Polizei und wirtschaftliche Korporationen, sie setzen auch Produktions- und Verteilungsstandards, formulieren und überwachen Gesundheits- und Sicherheitsnormen, regulieren Informationskanäle und schützen das Individuum in seinen Persönlichkeitsrechten in der digitalen Welt. Und da gewinnt ein Staat, der in Krisen die sozialen Notlagen bewältigt, an ethischer Statur. Gegenwärtig sprechen die Todeszahlen eine deutliche Sprache: Die Letalität der Epidemie ist in Deutschland, Österreich, Norwegen und der Schweiz heute um die Hälfte geringer als in den USA, in Spanien, Italien und Großbritannien beträgt sie gar das fünf- bis sechsfache. Gewiss, man muss die Aussagekraft der Zahlen vorsichtig bewerten, und zwar sowohl die Opfer- wie auch die Infektionszahlen, zudem werden sie übermorgen, wenn die Maxima in den betreffenden Ländern erreicht sind, wieder anders aussehen. Doch einen ersten Eindruck über die Funktionalität der Staaten, über ihr jeweiliges Governance, vermitteln sie durchaus, und so bestaunt die New York Times in mehreren Artikeln die »German Exception« (28.3. und 4.4.). Zum Vergleich stehen die neoliberalistisch organisierten Gemeinwesen Großbritanniens und der USA auf der einen Seite und der stärker auf das Gemeinwohl verpflichteten Gesellschaften Europas. Zum Vergleich stehen aber auch die Nord- und die Südländer Europas, und berücksichtigt werden müssen auch in einer globalen Bilanz die ökonomisch, fiskalisch und sozial ausgebluteten Regionen Afrikas, Südasiens und Lateinamerikas. Für solche Vergleiche stehen mehrere Indices bereit. Der Human Development Index berücksichtigt neben dem Pro-Kopf-Einkommen auch Faktoren wie Gesundheit, Lebenserwartung und Ausbildung. Die OECD führt einen internationalen Gerechtigkeitsindex, und seit 2006 gibt es einen Happy Planet Index, der die ökologische Effizienz bewertet, mit der die Nationalstaaten Wohlstand und Wohlbefinden ihrer Bürger bewirken.

Seit Hegels Tagen sind viele Organisationen und Institutionen entstanden, die mit alternativen Beurteilungskriterien den Puls der Menschheit messen. Die Ökonomen allerdings beschwören nach wie vor das BIP und dessen Wachstumskurve. Auf Punkt und Komma genau lassen sie ihre Luftbuchungen über die zu erwartende scharfe Rezession in diesem Jahr verlauten, und sie trösten uns mit einem mindestens ebenso steilen Aufschwung 2021. Die Krise könnte, ja sollte uns dagegen die Blick auf andere, innovativere, menschenfreundlichere Datensätze richten. Wer meint, man könne nach alten Rezepturen weiter kuren, der hat von der schwersten Weltkrise seit dem Zweiten Weltkrieg nichts begriffen.

Denn die nächste Großkrise ist schon unterwegs, langsam und schleichend seit mehreren Jahrzehnten, und ebenso lange schon ermahnen die Wissenschaftler erfolglos Politik und Gesellschaften. Sie berechnen uns die Kipppunkte des Klimas, die alles wieder ganz plötzlich entstehen lassen, so wie jetzt ein kleiner Virentransfers aus der Tierwelt die Zivilisationen aus ihrem Gleichgewicht geworfen haben. Heute muss die gesellschaftliche Vernunft über Hegels Vision vom ethischen Staat hinweg steigen zu einer ethischen Weltzivilisation.

 

 

 

 

Ethik, erster Versuch                       8. April 2020

In der Frühphase der Covid-Pandemie gingen die Niederlande, das Vereinigte Königreich und die USA einen anderen Weg als das kontinentale Europa. Man wollte über eine Herdenimmunität das Virus einzudämmen und schränkte das öffentliche Leben zunächst nicht ein. Dafür war man gegen den Rat der Epidemiologen auch bereit, eine erhöhte Zahl von Todesopfern in Kauf zu nehmen. Einige philosophisch versierte Kommentatoren deuteten diese Strategie als eine, die von utilitaristischer Ethik motiviert sei. Der Utilitarismus ist die herrschende ethische Doktrin der angelsächsischen Zivilisationen.

Mit dem Utilitarismus sind vor allem zwei Namen aus dem 18. und dem 19. Jahrhundert verbunden: Jeremy Bentham und John Stuart Mill. Seine Bezeichnung leitet sich vom Lateinischen  utilitas = Nützlichkeit ab, und tatsächlich identifiziert der Utilitarismus über weite Strecken das Gute mit dem Nützlichen. Seit Bentham und Mill haben ihn andere Moralphilosophen beständig weiterentwickelt, haben an Korrekturen gefeilt, um seine Defizite auszubessern, die er offenkundig hat: Defizite an Gerechtigkeit, Defizite aber auch im Menschenbild. Sie gehen sofort auf, wenn man seine Grundformel betrachtet, die auf Bentham zurückgeht: politisches Handeln sei geleitet vom Prinzip des größten Glücks für die größte Anzahl von Bürgern. Das rechtfertigt Opfergänge der Wenigen für das Glück der Vielen. Tote für das blühende Leben. Allerdings hat selbst Bentham sehr schnell erkannt, dass eine Formel mit zwei qualitativ so verschiedenen Faktoren – Glücks- und Verbreitungsmaximierung – nicht zielführend sein kann, und auch spätere Utilitaristen haben weitere Mitspieler eingeführt wie Regeln und Präferenzen. Und so hat sich der Utilitarismus zu einem einflussreichen ethischen Konzept entwickelt, dessen Stärken in seiner Anschlussfähigkeit an politisches Handeln liegen.

Doch zurück zum angelsächsischen Sonderweg in der Frühphase der Epidemie: die kontinentalen europäischen Staaten haben relativ früh die freiheitlichen Grundrechte eingeschränkt. Dahinter stand und steht die ethische Grundüberzeugung, dass jeder Tote einer zu viel ist. Sie wurzelt tief in zwei ethischen Konzeptionen, die miteinander verbunden sind: in der christlichen Ethik der Nächstenliebe und in der Kantischen Ethik der Menschenwürde, die es verbietet, Leben gegen Leben quantitativ gegeneinander aufzurechnen.  Der Mensch, so äußert Kant apodiktisch, sei keine Ware, sondern Zweck an sich selbst. Wirtschaft oder Leben, in dieser Alternative obsiegt das Leben.

Es dauerte nicht sehr lange, bis der anglo-amerikanische Sonderweg angesichts rapide steigender Infektions- und Todesraten aufgegeben wurde. Die britische, holländische und US-amerikanische  Regierungen mussten vor dem Druck der öffentlichen Meinung kapitulieren und – bestärkt durch die nüchternen mathematischen Exponentialgleichungen – ihren Kurs ändern. Seitdem scheint die Weltgesellschaft mit wenigen Ausnahmen wie Südkorea und Schweden nur noch einen Weg zu präferieren: die radikale Einschränkung der Freiheitsrechte bei Hochschätzung des einzelnen Lebens. Das ist in Kenia nicht anders als in Indien oder Südafrika.

Die Weltgemeinschaft hat sich offenkundig für den Primat des Lebens über die Freiheit entschieden, allen kulturellen Unterschieden zum Trotz. Ob die Gesellschaften nun hinduistische,  islamische, christliche oder welche weltanschauliche Grundierungen auch immer haben, in der Weltkrise ticken sie alle ähnlich und stellen den Wert des einzelnen Lebens über das gesellschaftliche Leben. Man muss, um die Eindrücklichkeit dieser transnationalen Einigkeit wirklich zu begreifen, von dürren Worten abheben und gleichsam im Drohnenflug über die großen Boulevards und Plätze der Weltstädte fliegen. Es ist, als ob die Menschheit verschwunden wäre. Ist all das nicht ein eindrücklicher Beweis dafür, dass sich die Weltgemeinschaft unisono einig ist über den Wert des Lebens?

Dieses Bild ist allerdings zu schön, um es bedenkenlos teilen zu können. Dagegen sprechen die blutigen Konflikte, weltweit werden für 2019 insgesamt 27 Kriege und bewaffnete Konflikte gezählt. Weshalb misst die Menschheit den Wert des Lebens mit doppeltem Maß?

Die Corona-Pandemie lässt die Bedrohung unterschiedslos für jeden Einzelnen spürbar werden. Die Kriege hingegen sind die der anderen. Das stimmt so zwar nicht, denn über unsere Interessen sind auch wir am Leid der anderen mitursächlich beteiligt. Aber es sind eben lange und unüberschaubare Ketten, die wir ausblenden können. Dagegen berühren die Bilder und Videos vom hektisch-verzweifelten Alltag einer Klinik in Bergamo oder New York unser moralisches Empfinden ganz unmittelbar. Wenn wir uns von dort die Ereignisse auf das  Display unsrer Mobilgeräte schicken lassen, dann steckt darin zudem auch die Botschaft: »Das könnte uns ebenfalls bevorstehen«.  Die Medien und die öffentliche Meinung machen uns covidoid, und weil in digitalen Zeiten jeder Empfänger auch zugleich ein Sender ist, erfährt die öffentliche Meinung eine ungeheure monothematische Dynamik, in der sich alles um Tod und Leben dreht. Sie treibt Regierungen und Bevölkerungen vor sich her, es ist ein mediales Geschehen, das die Menschheit moralisch einstimmig handeln lässt – wenn man vom Verteilungskampf von Masken und Schutzkleidung einmal absieht, der mit harten Bandagen geführt wird. Autoritäre Regierungen haben deshalb folgerichtig genau hier, am Hebel der Informationskanäle, angesetzt mit frisiertem Zahlenmaterial, um Panik in der Bevölkerung nicht aufkommen zu lassen. Denn Panik kann eine Gesellschaft aus den Angeln heben.

Das schöne Bild eines weltumspannenden moralischen Konsenses hat also einige Kratzer. Dennoch: Die tiefe Weltkrise lässt die Menschen moralisch näher zusammenrücken. Und wenn es gelingt, in Nach-Corona-Zeiten die Einsicht zu bewahren, dass wir das Virus nur durch gemeinschaftliches Handeln besiegt haben, dann könnte daraus eine neue Welt entstehen.

 

 

 

Mit den Verlusten leben lernen         4. April 2020

Vor einigen Tagen war ich in heller Aufregung. Was, wenn mir meine wirtschaftliche Existenz zusammenbricht? Ich bin im touristischen Sektor tätig und muss nun reihum meine philosophischen Reisen absagen, ein Ende ist derzeit nicht absehbar. Seitdem lebe ich von meiner Altersvorsorge, Solo-Selbständigkeit ohne Auffangnetz. Wie soll ich meine beiden Kinder, die in der Ausbildung stehen, weiter finanzieren? Wie meine Miete aufbringen? Nervös und von Existenzängsten geplagt hing ich vor den Infektions- und Todesstatistiken.

Doch dann begriff ich, dass ich lernen müsse, mit Verlusten zu leben. Bislang ging es ja immer aufwärts, langsam zwar, aber ich konnte und durfte auf meine Fähigkeiten vertrauen. Mit Verlusten leben zu lernen, das wird, so denke ich, eine soziale Kompetenz für uns alle sein, die wir einüben müssen. Dabei gilt es, den Schalter umzulegen, von oben nach unten. Und selbst wenn der eine oder die andere dank größeren Vermögens den Kopf aus der Schlinge ziehen kann – unsere Kinder, Enkel, Urenkel und  andere noch Ungeborene werden auf kleineren Füßen stehen müssen. Aber das kann uns eigentlich nichts Neues sein. Denn unser Planet hat nun einmal begrenzte Ressourcen, meine Generation hat sie über Gebühr strapaziert, und nur die radikalsten Technik-Nerds glauben, dass es uns gelingen könne, mit immer ausgefeilteren Erfindungen Wohlstand und Mobilität weiter zu steigern und aus unserem Gestirn ein perpetuum mobile zu machen.

Doch bis gestern konnten wir uns damit abfinden, dass die Ozeane langsam steigen, und mit frivolem Zynismus konnten wir uns damit trösten, dass wir uns mit Euro, Dollar Renminbi und Yen weiterhin unsere Anteile an den sinkenden Ernteerträgen schon sichern werden. Die Verknappung schien eher ein Problem der anderen zu sein, der Latinos, der Afrikaner, der Inder. Oder eben auch des Prekariats. Doch jetzt addieren sich die gravierenden Systemfehler in einer Geschwindigkeit auf, die das exponentielle Wachstum der Infektionen noch überschreitet. Die US-amerikanische Arbeitslosenkurve gibt uns einen Vorgeschmack darauf, was die Industrienationen binnen Kürze erwartet.

Das System erleidet gerade einen Burn-Out. Und jede umsichtige Burn-Out-Patientin muss sich neu austarieren auf Leistung und Erfolg, denn ihr sind ihre eigenen energetischen Grenzen aufgezeigt. Sie hat sich verausgabt, sie hat über ihre Verhältnisse gelebt. Und dabei hat sie ihr eigenes Selbstverhältnis vernachlässigt. Jetzt wird sie sich auf andere Werte hin orientieren. Sie wird lernen, die Verluste, die sie auf der einen Seite erleidet, mit anderen Gewinnen zu kompensieren. Und vielleicht sind die Gewinne gar größer als die Verluste. Die Definitionsmacht liegt bei uns. Das eine, das sind die Werte unserer Immobilien und Anlagevermögen, unseres Konsumverhaltens und des darüber konjugierten sozialen Prestiges. Das andere ist ein lebenswertes Leben, das über die eigene Biographie hinausgreift und Leben überhaupt meint: Begegnung, Solidarität und Mitgefühl, Stunden tiefer, wertvoller Freude über die Ausdruckskraft und Vitalität unserer Mitbürger, Verantwortungsbereitschaft auch zum fernen Anderen, sei es Mensch, Tier oder Pflanze. Sich am wertvollen Strom des Lebens zu erfreuen und nicht an den monetären Beständen. Mehr Sein und weniger Schein. Dies und vieles mehr wäre zu nennen, die Narrative dafür sind bewegender, berührender als die Verluste, mit denen wir nun umgehen müssen.

Aber, wird man einwenden, drohen nicht auch schmerzhafte Verluste auf Seiten der Kultur? Theater werden schließen müssen, kleine Orchester werden sterben, experimentelle Bühnen, avantgardistische Kunst und lokale Kulturvereine, in denen mit schmalem Budget Bürger sich ehrenamtlich für ihre Mitbürger engagieren, Kaffee und Kuchen aus heimischer Küche mitbringen für das kulturelle Sonntagsbrunch . Vielleicht aber werden ja diese Formate überleben, weil sie sich im Kleinen organisiert haben und von der Sympathie der Nahverhältnisse getragen sind. Gerade in den letzten Jahren hat die Kultur in ihren Megaevents übergroß aufgespielt und hat die Grenze zum Kommerz überschritten. Das Geschäftsmodell Abu Dhabis wird sich wahrscheinlich nicht retten lassen. Ein regionales Kabarett hingegen sehr wohl, wo die Lust an der Kunst das treibende Motiv ist und nicht die Vermarktung über Emirates und Studiosus.

Wir werden lernen, mit unseren Verlusten zu leben. Manche wird es hart treffen. Aber vielleicht dürfen sie sich auf einen Gemeinsinn verlassen, der neue Dimensionen erreicht. Das wäre zu hoffen. Uns bleibt nur die Hoffnung. In modernen Gesellschaften, wo auf die rettende Intervention eines Gottes nicht zu zählen ist, adressiert sich Hoffnung immer auch an das menschliche Miteinander.  Vielleicht geht alles auch etwas kleiner – und besser.

 

 

 

Exit                                                 2. April 2020

Am 28. Januar 2020 trat in Bayern der erste Fall der Infektion in Deutschland auf, heute, am 2. April, schreiben wir also den 66. Tag der Corona-Krise in Deutschland. Wie das Virus nach Europa kam, darüber streiten sich die Experten bis heute. Damals jedenfalls, und auch noch bis in den März hinein, hat sich wohl kaum jemand ausmalen können, wie die Dinge heute stehen - die Virologen und Epidemiologen vielleicht einmal ausgenommen, auf ihnen liegt nun die politische Expertise. Es ist gut so, wenn die Politik ihre Handlungen auf wissenschaftliche Daten und Methoden abstützt. Ich würde mir das auch für die Klimapolitik wünschen.

Zur wissenschaftlichen Fundierung von Politik gehören neben den Virologen auch die Soziologen, die Ökonomen, die Psychologen und die Philosophen (als Experten in Fragen der Ethik). Im öffentlichen Diskurs der Zivilgesellschaft bringen sie sich seit ein paar Tagen immer stärker zu Gehör, das Konzert der Stimmen gewinnt an Volumen. Auch das ist gut so, denn der Wissenschaften gibt es viele, und selbst unter den Virologen gibt es Dissens und  Pluralität in den Positionen, zumindest dann, wenn es um die Einschätzung der epidemiologischen Maßnahmen geht.

Die Politik muss nach Möglichkeit das Ganze in den Blick nehmen: die politische Stabilität der Gesellschaft, die wirtschaftliche Lage von Unternehmen und Bürgern, die medizinische Versorgung, die Ernährung der Bevölkerung, die Transportwege und vieles mehr. Und bei allem drängt eines: die Zeit. Und sie drückt mit jedem Tag stärker auf die Systeme.

Deshalb ist es auch gut so, wenn die Öffentlichkeit zunehmend darauf drängt, eine Exit-Strategie zu entwickeln. Die Regierungen in Bund und Ländern erklären sie allerdings fast unisono für unerwünscht. Wie das? Erleben wir gerade eine schleichende Machtverschiebung auf die Exekutive hin? Das käme einem sanften Coup gleich. 95% der Bürgerinnen und Bürger billigen die Maßnahmen der Regierung, so viel Konsens ist schlichtweg verdächtig. Ist es bürgerschaftlicher Gemeinsinn? Dagegen sprechen die leeren Regale von Toilettenpapier und Nudeln. Da ist sich fast jeder doch der Nächste.  Nein, mir scheint der Anteil der Angst der entscheidende Faktor am Konsens und nicht die die gesellschaftliche Vernunft, die in offenen Gesellschaften niemals mit einer Stimme spricht. Gewiss, es sind Notzeiten, da reiht sich die Bevölkerung hinter die Regierung ein. Nichts gegen Bürgerdisziplin bei Kontaktverbot, aber es ist in einer Demokratie einfach guter Brauch, dass die Regierung ein Ohr hat für den öffentlichen Diskurs über Strategien eines langsamen Wiedereinstiegs in das wirtschaftliche Leben.

Bislang behindert die fatale Alternative Leben versus Wirtschaft die Debatte über das Wie eines Exits. Sie schwingt ihre Keule und bezichtigt die ›Exiteers‹ moralischer Defizite. Aber die Zweifel mehren sich, ob wir tatsächlich richtig mit der Krise umgehen. Was wäre, wenn sich später, in ein paar Wochen oder Monaten, zeigen sollte, dass wir die gesellschaftlichen Folgen der Pandemie falsch eingeschätzt haben? Dass wir plötzlich in einen Strudel von Insolvenzen hineingeraten sind, geschäftliche wie private, die in Folge dann das Finanzsystem ergriffen? Eine neue Eurokrise aufgrund des Zusammenbruchs ganzer Volkswirtschaften? Und was wäre, wenn es so käme, dann mit der epidemiologischen Einsicht, dass wir die Gefahren des Virus krass überschätzt hätten? In der Sendung von Markus Lanz vom 31. Januar brachte der Virologe Hendrik Streek vor, dass die Infektionsketten sich nicht über Einkäufe im Supermarkt, beim Friseur, im Hotel oder im Restaurant fortsetzen, und er berichtet von Abstrichen, die von Türklingen und Handys aus hochinfektiösen Haushalten im Kreis Heinsberg genommen wurden. Dort wurde nur ›totes‹, nicht ansteckendes Genmaterial von Covid-Viren nachgewiesen. Die großen Ausbrüche seien nachgewiesenermaßen über die großen Events – Fußballarenen, Karneval, Massenparties – erfolgt. Hat die Politik derzeit auf einen sachlich nicht begründeten Angstmodus umgeschaltet? Wenn dem so wäre, dann sollten wir uns alle tatsächlich große Sorgen machen.

Nun gibt es aber auch viele gute Argumente für die Selbstisolation der Bevölkerung. Sie sind überwiegend virologischer Natur und zielen darauf, Schaden von Leib und Leben abzuwehren. Es zeugt von einem hohen zivisatorischen Standard, wenn das Leben als höchstes Gut betrachtet wird. Als lebensbedrohlich sollten wir aber auch wirtschaftliche Insolvenzen betrachten, die Menschen in den Suizid treiben. Davon ist derzeit ja viel die Rede, ich brauche also nicht ins Detail zu gehen. Es sind viele Einzelschicksale, jedes ist anders gelagert, aber manchen, und das dürften nicht wenige sein, ist der Sauerstoffhahn der Zukunft abgedreht. Derzeit, so listet die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) auf, stehen von den 40.000 Intensivbetten etwa knapp die Hälfte noch leer. Das sieht in vielen anderen Ländern ganz anders aus, und die vergleichsweise niedrigen Todesraten bei uns sollen keineswegs unser Gesundheitssystems prämieren – eher zeigt das die desolate Situation der europäischen Südländer, die mit ihren knappen Haushalten noch stärker an der Gesundheit haben sparen müssen. Aber wir haben noch Luft, und die wäre jetzt in das Wirtschaftssystem zu blasen, nicht nur mit Finanzspritzen, sondern mit Perspektiven für einen Neuanfang.

 

 

 

Solidarität                                                                 24. März 2020

Wir erleben gerade eine welthistorische Stunde. Denn kein Ereignis in der Geschichte der Menschheit kam mit vergleichbarer Wucht über die Zivilisationen. Nun schlägt die Stunde der Politik, die das Leben innerhalb weniger Tage neu organisieren muss. Nun geht es um alles, was uns wert ist. Die Gesellschaften müssen einen moralischen Stresstest bestehen.

In Wohlstandszeiten ist der bürgerliche Gemeinsinn eine soziale Tugend, die nicht allzu viel zu stemmen hat. In Krisenzeiten ist das anders. Dann wird uns bewusst, dass es uns selbst nur gut gehen kann, wenn es auch den anderen gut geht. Eine einfache Gleichung macht ihren Stich. Man kann sie auch gleichsam mit minus Eins multiplizieren, sie lautet dann: wenn es den anderen schlecht geht, dann geht es auch mir selbst nicht gut.

Man muss diese Gesellschaftsformel nicht eigens beweisen, in Zeiten der Krise folgen ihr Menschen intuitiv in ihren Kollektiven. Nachbarschaftshilfen haben Hochkonjunktur und ebenso die Dankbarkeit, die wir denen gegenüber äußern, die den Laden am Laufen halten. Die Medien stimmen uns alle ein auf Solidarität, Mitgefühl und Anstand. Die Profilierungssucht der Politiker und das Parteiengezänk pausieren für unbestimmte Zeit, eine Welle der Einigkeit rollt durch das Land. Allenfalls die Broker spekulieren auf fallende Kurse, hier zeigt der Markt selbst in Zeiten der Not sein hässlichstes, weil zerstörerisches Gesicht. In den solidarischen Soziotopen aber rücken wir alle zusammen, pflegen unsere Freundschaften, ja mitunter beenden wir sogar Feindschaften. Und weil wir uns auf Monate hinaus nicht den Luxus erlauben können, unser Heil in einem Impfstoff zu finden, bleibt uns nur, auf die Gesundheit des sozialen Körpers zu vertrauen. Aus sozialem Selbstvertrauen nährt sich derzeit die Hoffnung, ohne die Menschen nicht leben können. Nur wir allein können uns jetzt Hoffnung zusprechen, und dabei ist Solidarität unser wichtigstes Kapital.

Solidarität zieht Kreise mit verschiedenen Radien. Im Kernbereich die Sorge um Leib und Leben der Kranken, hier heißt sie »Kontaktverbot«. In Familien und Nachbarschaften stellt die Solidarität die physische und seelische Versorgung sicher. Die Bürger wenden sich nun verstärkt dem Qualitätsjournalismus zu, wo die bekannten Persönlichkeiten sich als Vorbilder für Gemeinsinn und Zusammenhörigkeit zeigen. Das ist gut so und zeugt von Charakter. Und auch die Regierung greift in die Vollen, um mit einem gigantischen Nachtragshaushalt den prekären Existenzen unter die Arme zu greifen. Doch dann, an der Staatsgrenze, droht der Solidaritätsfaden abzureißen. Mit Grenzschließungen und Einreisesperren schotten sich die Nationalstaaten gegenseitig ab, was auf ein nationales Kontaktverbot hinausläuft. In dünnen Rinnsalen tröpfelt aber weiterhin die Solidarität: Bayern und Baden-Württemberg leisten Italien und Frankreich medizinisch-technische Hilfe und nehmen von dort aus Patienten auf. Vielleicht sind diese und andere Aktionen ein gutes Stück Symbolpolitik, vielleicht reichen sie nicht, um uns dann, wenn der Virus eingedämmt sein wird, in Dingen europäischer Einheit ein passables Zeugnis auszustellen. Aber da kann, da wird noch mehr kommen.

Der weiteste Kreis der Solidarität bindet schließlich die Corona-Krise mit der Klimaerwärmung zusammen. Denn Solidarität verlangen die Älteren, die stärker infektionsgefährdet sind von den Jüngeren, deren Symptome sehr viel schwächer verlaufen. Gerade die Älteren aber haben – solidaritätsdefizitär – die klimapolitischen Anliegen der Jüngeren bestenfalls mit verständnisvoller Ignoranz quittiert. Mehr als Zahlenspiel war bislang kaum. Zugegeben, ein wenig holzschnittartig kommt das jetzt daher, da raschelt viel Statistik. Aber bleiben wir noch einen Moment lang noch in groben Linien: die Solidarität mit den Schwächsten der Gesellschaft verlangt von den Jüngeren, sich Hals über Kopf zu ruinieren. Dabei weigern sich die Älteren – immer noch grob gehobelt – den Jüngeren eine Welt zu hinterlassen, in der es sich ohne große Verluste leben lässt. Es wäre nur fair und solidarisch, würde die Menschheit mit ähnlichem Kraftaufwand das Überleben der nächsten Generation sichern.

Damit kein Missverständnis aufkommt: die derzeitigen Kontaktverbote sind alternativlos. Selten hat dieses anrüchige Wort so viel Sinn gemacht wie jetzt. Doch wir sollten die Rückkehr zu normalem Verkehr auch dann schon wagen, wenn die epidemiologische Situation noch gefährdet ist. Das scheint mir eine Sache der Solidarität mit denen zu sein, die ihr Leben noch weitgehend vor sich haben. Und dann wollen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag einfordern, der Solidarität und Gemeinsinn ungleich stärker reflektiert als eine Wirtschaftsform, die den Gewinn über alles stellt.

 

 

Räume                                               22. März 2020

Gestern, an einem regenverhangenen Tag, wurden die Ausgangsbeschränkungen verhängt, wie es die Epidemiologen von der Politik verlangt haben. Auch im Café unter meinem Fenster bleiben nun die Tische leer. Der öffentliche Raum ist verwaist, eine unheimliche Stille breitet sich aus. Im Supermarkt markieren rotweiße Klebestreifen Raumgrenzen, die erst beim Freiwerden der nächsten Parzelle betreten werden dürfen. Die Kunden fixieren in den Regalen ihre Beute, kaum kreuzen sich noch Blicke, und wenn, dann kehren sie sich schnell wieder zurück in den eigenen inneren Raum. Ernst geht es da im Augenblick her, und dieser seltsame, bislang unbekannte  Ernst hängt auch über der Stadt. Der öffentliche Raum hat seine eigentliche Bedeutung verloren, Stätte von Begegnung zu sein.

Das soziale Leben findet jetzt im Netz statt. Und da sprudelt es witzig, kreativ, mit vielen originellen Einfällen. Wir führen Telefonate mit Freunden und, so sagen sie, man käme sich jetzt näher. Ja, das erstaunt uns doch: wir pflegen unsere sozialen Netze, die wir mit unserem Leben aufgebaut haben. Ob alt, ob jung, das würden wir doch alle so tun. Plötzlich wird uns bewusst, was uns wichtig ist, wir suchen unsere Habitate auf und pflegen einen Freundschaftsgruß. Der kommt uns aus dem Herzen. Ein wahrer Freund sei wie ein zweites Selbst, meinte der alte Aristoteles. Wir greifen vielleicht nicht so hoch im Vokabular wie er, um da einzustimmen, aber das je eigene Habitat ist uns schon sehr wichtig. Was ich denke, was ich fühle, soll den anderen nicht fremd sein, Resonanzen sind erwünscht, man sucht einen gemeinschaftlichen Ort  auf. Und dazu findet man sich im Internet. Und dieses Internet, das hat die witzige Eigenschaft, überall und nirgends zu sein. Bei mir auf den Knien, im Laptop auf der Couch. Und dann wieder sofort »da draußen«, am virtuellen Ort. Das Online-Gespräch der Kultur hat begonnen, es benötigt nicht mehr den physikalischen Raum, um begegnen zu können. Wir haben alles auf dem Schirm, daheim, in unseren privaten Räumen.

Leiblich aber sind wir alle eingesperrt, jeder hat seinen privaten Raum anders, je nach Wohnfläche, je nach Köpfen. Da mögen sich später mal die Psychologen daransetzen, um zu erforschen, welche seelischen Spuren eine längere Isolation hinterlässt – in China beginnen gerade erste Untersuchungen. Auf jeden Fall gibt es da in den privaten Mauern auch Stress, der Kesseldruck steigt. Isolation ist krankheitsfördernd. Dann wiederum gibt es die, die uns betreuen, das Krankenhauspersonal, die Verkäuferinnen, die Polizei, die Transportdienste. Sie alle müssen heftig Überstunden machen. Sie helfen, sichern und buckeln, sie beschicken den Versorgungsraum, gerade höre ich beim Schreiben das Martinshorn auf dem Altstadtring. Was dort draußen vor sich geht, davon weiß ich nur aus den Medien, von einem Corona-Ausbruch in einem Würzburger Altersheim etwa. Oder in einem Telefonat mit I., die aus der Welt der Pflege berichtet, von der Schwierigkeit, Infektionsabstand zu halten bei den pflegebedürftigen Hochbetagten.  Was heißt es, fragte sie gestern Abend, wenn die Hand einer Sterbenden kein Angehöriger mehr halten kann?

Was aber ist mit denen, die noch da draußen sind, auf einem anderen Kontinent? Gestern ergatterte meine Tochter einen der letzten Flüge aus Mexiko, ihr regulärer Rückflug wurde gecancelt. An vielen Flughäfen stauen sich die Rückkehrer, alle suchen Zuflucht zu den ihren nationalstaatlichen Räumen. Rückholprogramme, individuelle Lösungen und dann wiederum geht nichts mehr. Der mundiale Raum wird mit Grenzschließungen zu einem geopolitischen Raum, in dem Distanzen plötzlich nur noch sehr schwer zu bewältigen sind.

Und doch: der virtuelle Raum lebt und fängt vieles auf. Neue Formen der Nachbarschaftshilfe entstehen, glokal heißt schon das neue branding. Einkaufen, Kinderbetreuung, kleine Gefälligkeiten stehen an zum Tausch, Theater, Konzerthäuser, Unternehmen, Institutionen und Vereine bilden neue Kommunikationskanäle zu Bürgern und Kunden. Vielleicht sehen wir im Netz eine glokale Gesellschaft entstehen? Wenn wir genau hinschauen, dann können wir sehen, wie Räume der Hoffnung entstehen.

Wir brauchen sie dringend, diese Räume der Hoffnung. Jeder und jede kann ein Hoffnungsbild sein. Im Raum der Hoffnung begegnen wir uns anders, nämlich weicher, einfühlsamer und gesprächsbereiter. Doch davon bald mehr.

 

 

Zeit                                                    21. März 2020

Wir stehen kurz vor dem shutdown, der Ausgangsbeschränkung. Markus Söder hat sie heute schon für Bayern verhängt. In den nächsten zwei Tagen bei uns in Baden-Württemberg und bestimmt auch im ganzen Land.

Aber irgendwie muss es ja weitergehen, die Menschen sollen ihrer Arbeit nachkommen, ein Minimum an wirtschaftlicher Dynamik muss aufrechterhalten bleiben, die Menschen müssen sich versorgen können. Die Gesellschaft ist völlig entschleunigt, die Zahlen der Neuinfektionen weisen steil nach oben. Eine Erstarrung in Schrecken: Wie hat das alles ein hochinfektiöser Virus bloß fertiggebracht? Ein Tropfen Biomasse fiel in das Zirkulationssystem der Zivilisationen dieser Erde, dort, wo die Gesellschaften am verwundbarsten sind. Und brachte fast alles zum Erliegen. Die Zeit steht still.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit? Auf jeden Fall aber zum ersten Mal in der uns bekannten Epoche der Zeitbeschleunigung, die sich etwa seit eineinhalb Jahrhunderten ereignet. Die Transportzeiten haben uns den Globus verfügbar gemacht, die Maschinen haben der Zeit die Sporen gegeben. Der Gang der Zivilisationen legte zu und legte nochmals zu. Alles immer schneller, die Leistung wurde zum Fetisch. Über die Leistung definiert sich nunmehr alles, mehr in weniger Zeit, das ist seine Pfeife, nach der wir zu tanzen haben. Über die Leistung erklärt sich der homo ökonomicus zum Herrn der Zeit und zum Überwinder des Raums.

Bleiben wir hier bei der Zeit. Denn sie galt das gesamte christliche Mittelalter hinweg als „Eigentum Gottes“, doch im Gang der Zivilisationen wurde sie zunehmend zum „Eigentum des Menschen“. Man pries die vita activa, mit der man sich Gott günstig stellen wollte, und bald brauchte man Ihn nicht mehr, um das Szepter der Zeit zu übernehmen. Innovation folgt Innovation, Rekord und Gewinn bislang unbekannten Ausmaßes, und dabei belieh man stets die Zukunft mit Schulden. Bis gestern  funktionierte das.

Jetzt erleben wir die Zeit, die vergesellschaftete Zeit, als etwas, die sich plötzlich dehnt, wenn man den Tag in den eigenen vier Wänden verbringt. Und auch da draußen steht alles. Das kleine Biotröpfchen kristallisiert zum Sand im Getriebe. Das System fährt auf allergrößten Sparmodus zurück. Die Corona-Pandemie zwingt die Gesellschaften rund um den Globus auf den Parkplatz. Natur trifft auf Zivilisation. Und zeigt, dass sie stärker ist als wir. Das haben wir zwar stets schon gewusst, davon erzählt ja schon die Astronomie, aber Beunruhigendes droht von dort kaum etwas. Eher jagt uns die Klimaerwärmung den Schrecken in die Glieder. Dass es aber nicht im Großen, sondern im winzig Kleinen kam, und zudem ganz plötzlich, das trifft uns unerwartet. Und zwingt uns eine andere Zeitordnung auf, den Stillstand des öffentlichen Lebens.

Doch woanders, da rast die Zeit, in den Krankenhäusern Italiens und Irans etwa, da geht es um Leben und Tod. Hier arbeiten die Menschen bis zum Anschlag, und ebenso in der Landwirtschaft, der Lebensmittelversorgung, den Transportdiensten, der medizinischen Technik, der pharmazeutischen Forschung und in vielen anderen Segmenten des Lebens. Hier arbeiten die, die das System am Laufen  halten. Und sie arbeiten schwer und sind einem Hochinfektionsrisiko ausgesetzt. Hier rast die Zeit in exponentiellem Wachstum, das errechnet sich mit simpler Mathematik. Die Infektionszahlen verdoppeln sich alle 2-3 Tage. Mit einer solchen Beschleunigung werden selbst die „Herren der Zeit“ nicht fertig.

Das Virus diktiert die Chronologie der Ereignisse.  Bekommen wir also gerade eine sehr teure Rechnung zugestellt, eine Rechnung mit den Posten Menschenleben, Leid und dem zumindest vorübergehend blockierten Zugriff auf Zukunft? Es ist eine Rechnung, die wir bislang nie auf unseren Rechnungen hatten. Auf ihr summieren sich die Schäden, die eine zutiefst gestörte Synchronisation zweier Zeitordnungen aufhäuft: die Zeit in der Natur und die Zeit in der Kultur. Die Zeit in der Natur bedeutet Reifung, Zyklus, Vielfalt der Lebensformen im langsamen Gang der Evolution. Ganz anders die Zeit in der Kultur, wo sich die Herrschaft des Geldes fast alles andere unterworfen hat, was man eben auch noch kulturell nennt, soziale Verbände etwa, Vorsorgesysteme, Familienplanung, ja selbst das Wertesystem ist dabei unter die Räder gekommen. Die Liste der Fehler ist lang, doch uns bleibt die Einsicht und die gesellschaftliche Vernunft, aus ihnen zu lernen. Tröstlich dabei ist, dass sich irgendwann das Virus eindämmen lässt, dass es weniger und weniger menschliche Organismen finden wird, in denen es sich reproduzieren kann. Bis es dahin kommt, sind wir auf uns selbst angewiesen, auf unseren Gemeinschaftssinn, mit dem wir uns auf einen langsameren Zeitsinn einüben müssen. Die Epidemie zwingt uns dazu, jetzt endlich einmal die Systemfrage zu stellen.

 

 

Angst                                                 19. März 2020

Ja, geben wir es uns zu, wir haben Angst. Überwiegend gilt sie nicht unserer eigenen Gesundheit, die jüngeren unter uns lassen kaum ja Symptome aufkeimen, und die Infektionsraten des Corona-Virus liegen immer noch im Promille-Bereich. Die Anderen sind nur statistisch gesehen eine Bedrohung. Aber diese ferne Bedrohung mutiert zu Angst-Szenarien an den Regalen der Supermärkte, der Börsenkurse, der einzelnen ungeschützten Existenzen von den Gastwirten bis zur Kreativwirtschaft. Die Angst frisst sich durch alle Bereiche unseres Lebens. Irgendwie ist etwas gewaltig in Unordnung geraten. Wir haben Angst um die Stabilität unseres Systems. Ganze Wirtschaftszweige können jetzt wegbrechen und für viele Jahre von der Bildfläche verschwinden. Die Welt von morgen, plötzlich können wir sie uns nicht mehr vorstellen. Aber gewiss ist, dass sie eine ganz andere Welt sein wird als die, die wir gewohnt sind.

Das alles vermag ein kleines Virus, das vom Tier auf den Menschen gewandert ist. Für die Natur war es ein kleiner Schritt, dort auf dem Markt von Wuhan. Vielleicht nur eine unmerkliche Mutation der viralen RNA. Die menschlichen Zivilisationen dagegen durchfährt es bis ins Mark. Unser gewohntes Leben steht dem Spiel. Unser Lebensstil. Wir haben uns daran gewöhnt, den gewaltigen Berg an Problemen der Zukunft aufzubürden. Wir leben weltweit eine Philosophie des Aufschubs. Und plötzlich scheinen die Zivilisationen keine Zeit mehr für Zukunft zu haben. Unsere Buchungen dort am ferneren Zeithorizont sind ausgereizt. Und jetzt droht der System-Overkill. Ein namenloses Es hat auf die Pausentaste gedrückt, die Gesellschaften erstarren in Quarantänen, das System fährt herunter. Und das macht Angst.

Angst sei ein schlechter Ratgeber, hört man in diesen Krisentagen immer wieder.  Und das ist völlig richtig. Denn in der Angst vereinzelt sich der Mensch und ist radikal auf sich selbst zurückgeworfen. Die Anderen sind ihm keine Stütze mehr. Philosophen unterscheiden gern die Angst von der Furcht. Furcht habe man vor etwas Bestimmtem, Angst dagegen habe kein deutliches Wovor. Gegen die Furcht lasse sich angehen, unser sozialer Körper aus Institutionen und öffentlichem Leben schützt die Individuen vor dem freien Fall. Die Angst aber kommt in anderem Kaliber. Sie lässt spüren, wie unheimlich, wie bodenlos, wie wenig vertraut uns doch das Leben ist. Angst, so meinte der dänische Religionsphilosoph Sören Kierkegaard, Angst sei der Preis für die Freiheit. Angst habe man vor dem In-der-Welt-Sein, so deutete Martin Heidegger unsere existenzielle Situation. Wie auch immer philosophisch die Akzente gesetzt werden - plötzlich reißt der dünne Film von Vertrautheit. Die Welt wird unheimlich, wir finden in ihr keine Heimat mehr. Wer sich ängstigt, der sieht nur noch sich selbst. Und dann stürmt er oder sie die Regale und hamstert, um wenigstens ein wenig an Kontrolle zurückzugewinnen.

Für eine Gesellschaft ist Angst ein tödliches Virus. Sie bringt eine Spirale in Gang, die sich in ihrem Verlauf stets verstärkt. Angst nährt Angst in einem Klima existenzieller Vereinsamung. Und ja, einsam sind wir in diesen Tagen alle irgendwie. Wie begegnen wir ihr, wie begegnen wir unserer Angst?

Jede Krise berge eine Chance in sich, lautet ein weiteres vielstrapaziertes Wort.  Und es ist ja wahr: wir lernen nur, weil wir Irrtümer begehen. Wir dürfen also tatsächlich darauf vertrauen, dass uns Umgangsformen gelingen, die uns sozial näher zusammenrücken lassen. Wir sind nicht allein. Unser Trumpf ist unser soziales Wesen, das vielbeschworene zoon politikon, das Aristoteles einst zur ersten tragfähigen Sozialphilosophie ausgearbeitet hatte und deren Grundidee wir auch heute noch folgen können, ja müssen. Gerade in Krisenzeiten gibt es keine Alternative zum Vertrauen in sozialen Dingen. Jeder mag darüber hinaus noch andere Vertrauensanker werfen, im religiösen Glauben etwa, in die Vitalität des Lebens oder in die Sinnfäden, die uns Literatur und Kunst zeichnen. Jetzt, wenn nicht jetzt? haben wir Zeit dafür. In der Entschleunigung unseres Lebens liegt die Chance, uns auf das Wesentliche unseres Lebens, auf ebendieses Vertrauenskapital zu besinnen. Jeder Anruf zu Freunden und Bekannten entlastet von der Spirale der Angst. Jedes Du macht uns zu einem Wir. Nehmen wir Kontakt auf zu unseren Nachbarschaften, bieten wir Hilfe an. Reden wir miteinander, aber treten wir dabei nicht die Katastrophenmeldungen breit, sondern bemühen wir uns gegenseitig um Stabilität und, ja auch das: um Trost. Jeder von uns trägt dazu bei, dass das kollektive Angstpotenzial im gesellschaftlichen Leben nicht noch stärker viral geht. Den Impfstoff dazu können wir uns selber fertigen.

Zur sozialen Etikette hat Angela Merkel gestern Abend in einer ihrer politischen Sternstunden das Nötige gesagt. Und auch in den Medien haben sich viele Stimmen dazu zu Wort gemeldet. Das Konzert der öffentlichen Stimmen hat in der Krise einen sehr einheitlichen Klang. Angstpsychologisch kontraproduktiv treten die Verschwörungstheoretiker auf, die sich über die sozialen Netzwerke verbreiten. Dazu gehört auch die gegenwärtig immer wieder zu vernehmende Ansicht, mit dem Corona-Virus schlage die Natur zurück.  Das ist in dieser unreflektierten Form Unsinn in Potenz. Die Natur hat keine strafende Faust. Diese Vision gehört in das dunkle Arsenal der Dogmen vom strafenden Gott. Wir sollten es nicht zu Erklärungen heranziehen. Und überhaupt zeigt sich Vertrauen und Solidarität darin, dass Schuldzuweisungen in überhasteten Diagnosen über unseren Weltzustand ausbleiben. Denn jetzt geht es um Wichtigeres, um Näherliegendes. Jetzt steht die Bewältigung der Krise an, und jetzt geht unser tiefer Dank zunächst einmal an alle die, die das öffentliche Leben aufrechterhalten: an Ärzte und Pflegedienste, an Briefträger und Verkäuferinnen im Supermarkt, an Lastwagenfahrer, Polizisten, Landwirte und Erntehelfer, an alle die, die Waren und Dienstleistungen weiter zirkulieren lassen. Die nicht sich nicht ins Homeoffice abmelden können. Die handeln müssen, ganz hemdsärmelig, für einen monetären Lohn, den die Gesellschaft stets zu gering geschätzt hatte bislang.

Aber das gehört schon zu den Lehren, die zu ziehen sind, später. Jetzt steht anderes an. Die Angst vor der Angst sei unser größter Feind, sagte der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt zur Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts. Machen wir es der Angst nicht zu leicht. Erzeugen wir Zuversicht!

 

 

Das Corona-Tagebuch

Wir erleben gerade eine rapide Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die Welt mit und nach der Corona-Pandemie wird eine andere sein als zuvor. Wie wir leben, wie wir wirtschaften, kooperieren und wie wir uns bewegen, nichts davon wird mehr so sein wie vorher. Damit verbinden sich viele Ängste. Aber es öffnen sich uns auch Räume zu neuen Orientierungen. Das menschliche Zusammenleben wird sich grundlegend neu justieren. Wir wollen dabei sein, wir wollen mitreden im Konzert einer neu sich findenden öffentlichen Vernunft.

Wir schätzen unsere Situation heute mit Kenntnissen ein, die morgen schon überholt sein werden. Das ist ein Kennzeichen allen großen Wandels. Die Ereignisse stürmen durch die Zeit und das Verstehen kommt nicht mehr nach. Alles ist Prozess – und wir stehen mittendrin. Im Corona-Tagebuch versuche ich, davon ein wenig festzuhalten.

 

Offener Online-Gesprächsraum

Jeden Montag 19:30 Uhr auf Anmeldung E-Mail an:
PVollbrecht@t-online.de

Notwendige Installation: Zoom

Nächstes Montagsgesprüäch  am 8. Juni 2020, 19:30 Uhr
Thema wird noch bekannt gegeben.

Ältere Themen:

Ein ökologischer Grundvertrag der Menschheit
 Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung
Rechte der Natur
Arne Naess: Tiefenökologie
Menschenrechte und Klimakrise

 

Podcasts für ZEIT-Reisen:

(ZwischenZEIT, das Audio dort jeweils unter Welt-Anschauung anklicken)

Was also ist die Zeit?
https://zeitreisen.zeit.de/web-newsletter/zwischenzeit-05-april-2020/

Die Bedeutung der islamischen Kultur für Europa:
https://zeitreisen.zeit.de/web-newsletter/zwischenzeit-15-april/

Beethovens Zehnte: Künstliche Intelligenz komponiert
https://zeitreisen.zeit.de/web-newsletter/zwischenzeit-26-april-2020/

Aus dem Corona-Tagebuch:
https://zeitreisen.zeit.de/web-newsletter/zwischenzeit-03-mai-2020/

Traumreisen: Mit Claude Lévi-Strauss in Zentralbrasilien
https://zeitreisen.zeit.de/web-newsletter/zwischenzeit-24-mai-2020/

 

Philosophisches Forum

 
 

Peter Vollbrecht