Zeit

Wir stehen kurz vor dem shutdown, der Ausgangsbeschränkung. Markus Söder hat sie heute schon für Bayern verhängt. In den nächsten zwei Tagen bei uns in Baden-Württemberg und bestimmt auch im ganzen Land.

Aber irgendwie muss es ja weitergehen, die Menschen sollen ihrer Arbeit nachkommen, ein Minimum an wirtschaftlicher Dynamik muss aufrechterhalten bleiben, die Menschen müssen sich versorgen können. Die Gesellschaft ist völlig entschleunigt, die Zahlen der Neuinfektionen weisen steil nach oben. Eine Erstarrung in Schrecken: Wie hat das alles ein hochinfektiöser Virus bloß fertiggebracht? Ein Tropfen Biomasse fiel in das Zirkulationssystem der Zivilisationen dieser Erde, dort, wo die Gesellschaften am verwundbarsten sind. Und brachte fast alles zum Erliegen. Die Zeit steht still.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit? Auf jeden Fall aber zum ersten Mal in der uns bekannten Epoche der Zeitbeschleunigung, die sich etwa seit eineinhalb Jahrhunderten ereignet. Die Transportzeiten haben uns den Globus verfügbar gemacht, die Maschinen haben der Zeit die Sporen gegeben. Der Gang der Zivilisationen legte zu und legte nochmals zu. Alles immer schneller, die Leistung wurde zum Fetisch. Über die Leistung definiert sich nunmehr alles, mehr in weniger Zeit, das ist seine Pfeife, nach der wir zu tanzen haben. Über die Leistung erklärt sich der homo ökonomicus zum Herrn der Zeit und zum Überwinder des Raums.

Bleiben wir hier bei der Zeit. Denn sie galt das gesamte christliche Mittelalter hinweg als „Eigentum Gottes“, doch im Gang der Zivilisationen wurde sie zunehmend zum „Eigentum des Menschen“. Man pries die vita activa, mit der man sich Gott günstig stellen wollte, und bald brauchte man Ihn nicht mehr, um das Szepter der Zeit zu übernehmen. Innovation folgt Innovation, Rekord und Gewinn bislang unbekannten Ausmaßes, und dabei belieh man stets die Zukunft mit Schulden. Bis gestern  funktionierte das.

Jetzt erleben wir die Zeit, die vergesellschaftete Zeit, als etwas, die sich plötzlich dehnt, wenn man den Tag in den eigenen vier Wänden verbringt. Und auch da draußen steht alles. Das kleine Biotröpfchen kristallisiert zum Sand im Getriebe. Das System fährt auf allergrößten Sparmodus zurück. Die Corona-Pandemie zwingt die Gesellschaften rund um den Globus auf den Parkplatz. Natur trifft auf Zivilisation. Und zeigt, dass sie stärker ist als wir. Das haben wir zwar stets schon gewusst, davon erzählt ja schon die Astronomie, aber Beunruhigendes droht von dort kaum etwas. Eher jagt uns die Klimaerwärmung den Schrecken in die Glieder. Dass es aber nicht im Großen, sondern im winzig Kleinen kam, und zudem ganz plötzlich, das trifft uns unerwartet. Und zwingt uns eine andere Zeitordnung auf, den Stillstand des öffentlichen Lebens.

Doch woanders, da rast die Zeit, in den Krankenhäusern Italiens und Irans etwa, da geht es um Leben und Tod. Hier arbeiten die Menschen bis zum Anschlag, und ebenso in der Landwirtschaft, der Lebensmittelversorgung, den Transportdiensten, der medizinischen Technik, der pharmazeutischen Forschung und in vielen anderen Segmenten des Lebens. Hier arbeiten die, die das System am Laufen  halten. Und sie arbeiten schwer und sind einem Hochinfektionsrisiko ausgesetzt. Hier rast die Zeit in exponentiellem Wachstum, das errechnet sich mit simpler Mathematik. Die Infektionszahlen verdoppeln sich alle 2-3 Tage. Mit einer solchen Beschleunigung werden selbst die „Herren der Zeit“ nicht fertig.

Das Virus diktiert die Chronologie der Ereignisse.  Bekommen wir also gerade eine sehr teure Rechnung zugestellt, eine Rechnung mit den Posten Menschenleben, Leid und dem zumindest vorübergehend blockierten Zugriff auf Zukunft? Es ist eine Rechnung, die wir bislang nie auf unseren Rechnungen hatten. Auf ihr summieren sich die Schäden, die eine zutiefst gestörte Synchronisation zweier Zeitordnungen aufhäuft: die Zeit in der Natur und die Zeit in der Kultur. Die Zeit in der Natur bedeutet Reifung, Zyklus, Vielfalt der Lebensformen im langsamen Gang der Evolution. Ganz anders die Zeit in der Kultur, wo sich die Herrschaft des Geldes fast alles andere unterworfen hat, was man eben auch noch kulturell nennt, soziale Verbände etwa, Vorsorgesysteme, Familienplanung, ja selbst das Wertesystem ist dabei unter die Räder gekommen. Die Liste der Fehler ist lang, doch uns bleibt die Einsicht und die gesellschaftliche Vernunft, aus ihnen zu lernen. Tröstlich dabei ist, dass sich irgendwann das Virus eindämmen lässt, dass es weniger und weniger menschliche Organismen finden wird, in denen es sich reproduzieren kann. Bis es dahin kommt, sind wir auf uns selbst angewiesen, auf unseren Gemeinschaftssinn, mit dem wir uns auf einen langsameren Zeitsinn einüben müssen. Die Epidemie zwingt uns dazu, jetzt endlich einmal die Systemfrage zu stellen.