Thomas Manns ‚Zauberberg‘ auf dem Davoser Zauberberg

von Peter Vollbrecht (2012)

 

Man habe hier andere Begriffe für die Zeit, so hallt es mir noch in den Ohren, als ich mein Zimmer mit dem großen Liegebalkon auf der Schatzalp beziehe. Vor 114 Jahren hatte mit diesen Worten Joachim Ziemßen seinen Vetter Hans Castorp davor gewarnt, die Davoser Welt mit flachländischen Begriffen zu messen. Und nun ist sie tatsächlich wieder ganz nah, die Romanwelt des Thomas Mann. Gebieterisch hängen große Uhren in den langen Fluren des Hotels, das ehedem das berühmteste und angesehenste Sanatorium in Davos gewesen war. Damals riefen sie zu den Mahlzeiten, zu den Untersuchungen, zu den regelmäßigen Vergnügungen, arrangiert von der Sanatoriumsleitung für ihr betuchtes, brustkrankes Klientel. Eine Welt, in der das bürgerliche Leben zwangspausiert, die Tuberkulose taktet das Leben in langsamerem Gang.

Mit dem ‚Zauberberg‘ in der Hand tauchen wir ein in eine großbürgerliche Vergangenheit, eine ZEIT-Reise im wörtlichen Sinne. Im ehemaligen Röntgenraum treffen wir uns nach dem Frühstück zu gemeinsamen Lektüren und Diskussionen. An den Wänden hängen noch die Leuchtschirme, auf die damals die Röntgenbilder gespannt wurden, um die Kavernen sichtbar zu machen, in denen das Zellgift wütet. Hier entschied der Sanatoriumsarzt über das Schicksal des Patienten – durfte er seinen Abschied nehmen zu ‚denen da unten‘, oder musste er bleiben auf unbestimmte Zeit? Wir jedenfalls bleiben nur fünf Nächte. Zu kurz, um heimisch zu werden mit dem Geist des Ortes, doch der Roman Thomas Manns wirft uns mit seiner Sprachkraft in die Zeit Hans Castorps zurück. Wir begegnen den bizarren Gestalten, die über die großen Fragen des menschlichen Lebens debattieren, über Krankheit, Moral, Liebe und den Tod, über Wirklichkeit und Traum, Politik und Kunst, bürgerliches Leben und religiösen Fanatismus. Aber auch die leiseren Töne erreichen uns, gezeichnet in Charakteren, oder angestimmt in feinsinnigen, ironischen Beschreibungen des großen Romanciers. Es sind intensive Tage auf der Davoser Schatzalp. Wir gehen auf unseren Spaziergängen die historischen Wege nach und atmen einen Bergsommer, der in der Höhe von 1900 Metern stets jäh in den Winter zurückstürzen kann. Die Luft ist würzig, voll und schwer, sie riecht nach Wald, Bergfels und rauschendem Bach. Ich liebe es, nachts vor dem Schlafen all das einzuatmen auf meinem Balkon, von dem aus ich in das Tal hinunterblicken kann. Manche Mitreisende haben gar ihr Nachtlager auf den Liegestühlen unter wärmender Bettdecke aufgeschlagen und schlafen im Freien.

Im prächtigen Jugendstil-Speisesaal dagegen lebt die Belle Époque. Man erwartet förmlich das Türenschmettern der Madame Chauchat. Der gute Russentisch – das war gestern. Und überhaupt ist ja jeder gesund hier, macht Pläne für den Tag, und abends findet man sich nach dem Essen in der X-ray-bar ein. Sogar die originale Maria Mancini-Zigarre aus des Zauberbergs Zeiten wird angeboten.

Die Schatzalp wird es sehr bald so nicht mehr geben. Ein Großprojekt steht an: ein wabenförmiger, architektonisch reizvoller Turm soll direkt neben dem historischen, im Jahr 1900 erbauten Gebäude entstehen. Es sei die einzige Chance, die Schatzalp zu erhalten, erklärt uns der Hotelchef. Man brauche an einem kalten Februartage rund 1000 Liter Heizöl, um das Hotel zu beheizen, man müsse von Grund auf sanieren, für mehrere Jahre werde der Betrieb eingestellt, nur über den Turm sei das zu finanzieren. Doch, so fragen wir uns still, vergiftet dann die Schickeria die Alp mit ihrem neureichen Prunk, so wie sie es 400 Höhenmeter tiefer in Davos schon erfolgreich demonstriert hat? Wahre Reisen, so hat es der französische, weitgereiste Philosoph Claude Lévi-Strauss einmal gesagt, kommen immer zu spät. Stets ist das eigentliche Original schon überlebt von der Gegenwart. Der Schatzalp und den ZEIT-Reisen zu Thomas Manns Zauberberg bleibt nur noch ein kleines Zeitfenster.

 

Philosophisches Forum

 
 

Peter Vollbrecht