Editorial

20161118_LL1_6247Liebe Leserin, lieber Leser,

Manchmal brennt sich ein einziger Satz in unser Denken ein. Greift dort nach Überzeugungen, die im Laufe der Jahre zum festeren Sediment unseres Selbst- und Weltbildes geworden sind, und dreht ihre Hauptachse um einige Grade. Bei mir war es ein Satz des alten Aristoteles: Der Mensch ist das gemeinschaftsbildende Lebewesen, das zoon politikon.

Nicht, dass er neu für mich war, als er vor vielleicht vier, fünf Jahren seine Tiefenwirkung entfaltete. Aber wie so oft: Ich hatte ihm nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die ihm gebührt. Inhaltlich kam er mir eher wie ein seichter Gemeinplatz vor, allenfalls glänzend lackiert mit einem griechischen label, das den Menschen in den großen Zoo des tierischen Lebens zurückstellt. Doch irgendwann begann sie zu strahlen, die Formel des alten Aristoteles. Verband sich mit Kants Idee einer republikanischen Vernunft, die im Reich der Gedanken keine aristokratische Abstammung zertifiziert, sondern die nur solche Aussagen gelten lässt, die gute Begründungen bei sich führen. Im Denken sind wir alle gleichberechtigt. Und der stärkste aller Gedanken: Jedes Individuum kann seine Potenziale nur in einer gut funktionierenden Gemeinschaft verwirklichen, die dem Republikanismus der Vernunft die allererste Stimme gibt.

Als vor knapp dreißig Jahren die kommunistische Machtsphäre in Osteuropa zusammenbrach, da schienen die autoritären Herrschaften vor der republikanischen Vernunft zu kapitulieren. Heute ist vom damaligen Optimismus nicht mehr viel übrig geblieben. Der Mensch lebt immer noch im Zoo, mit ausgewechselten Gitterstäben seines Käfigs. Sie sind subtiler gedrechselt als die archaischen blanker Repression. Die Macht spielt auf der raffinierten Klaviatur der Ängste. Vielleicht, das sei zugegeben, ist das immer schon so gewesen, doch heute erreicht die manipulierende Ansprache dank Big Data jeden in seiner Individualität. Über wenige Parameter zeichnen die Netzwerke denen, sie sie lesen können, ein Bild von jedem von uns, das wissender ist als wir selbst von uns Kenntnis haben. Und ja, zugegeben auch, dass jeder von sich in einer Erlebnisperspektive berichten kann, wie es das Netzwerk nicht vermag. Zur Vision des Filmklassikers Matrix ist es noch ein langer Weg, wir sind noch nicht der Nährstoff für Maschinen geworden, die uns eine virtuelle Realität namens ›menschliches Leben‹ vorgaukeln. Das alles sei zugegeben, aber das Individualerlebnis ›Ich‹ entfaltet sich in einem erzählten Leben, und hier greifen die social bots an, genährt aus Facebook, Twitter und all den anderen sozialen Netzwerken, denen die Nutzer unbedarft ihre Daten hinterlassen. Das erzählende Leben öffnet seine Flanken für Gefühl und Affekt, für Vertrauen und Argwohn, für ›Ich‹ und die ›Anderen‹, Freund und Feind.

Die gerade zurückliegende US-amerikanische Präsidentenwahl hat ein neues Kapitel der Demokratie aufgeschlagen. Wir befinden uns an der Schwelle zur Cyberdemokratie. Die amerikanischen Geheimdienste warnen: Die deutsche Bundestagswahl 2017 sei die heiße Kandidatin des nächsten intelligenten Angriffs. Eine Verschwörungstheorie? Das wäre doch zu hoffen, aber ausgemacht scheint mir, dass die Bedrohung durch die Cyberdemokratie der Lackmustest für die traditionelle Demokratie sein wird, die aus dem freien Wählerwillen ihre repräsentativen Resultate schmiedet. Und die waren bislang auch geprägt durch humanitäre Werte wie Freiheit, Selbstbestimmung, Solidarität, Verantwortung, Akzeptanz anderer Lebenskonzepte mitsamt einer Kultur der Pluralität auf allen Feldern des sozialen und politischen Lebens. Schon Aristoteles‘ Formel vom zoon politikon hatte dem Konzept des guten und gelingenden Lebens ein soziales Kleid übergeworfen. Dabei galt ihm das politische Leben nicht als das höchste Lebensideal. Überragt wird es durch das besonnene Leben, das bei Aristoteles den Titel des philosophischen Lebens trägt. Wir Heutigen mögen dafür eine andere Bezeichnung haben, doch das ist nur Schale, der Kern ist derselbe: ein kritisches, sorgfältiges, sich in viele Richtungen orientierendes Denken. Und davon wünsche ich uns allen ein wenig mehr für das Jahr 2017.

18. Dezember 2016

 

 

Philosophisches Forum

 
 

Peter Vollbrecht