Ältere Editorials

 

2. Juni 2019

Kaum jemand hat sich so euphorisch über das politische Leben ausgesprochen wie Hannah Arendt. Der Sinn von Politik sei Freiheit, Punktum. Und Freiheit? „Das Wunder der Freiheit liegt im Anfangen-Können beschlossen“, jeder Mensch könne eine Weltlinie beginnen, und deshalb dürfe man von der Politik Unerwartetes, Unwahrscheinliches, ja Wundervolles erwarten. Wie bitte – von der Politik? Hannah Arendt dachte dabei weniger an die institutionalisierte Politik, weniger an die etablierten Politiker und Parteigänger als vielmehr an das urwüchsig Politische, das menschliche Leben nämlich. Immer wieder finden Neuankömmlinge dort hinein. Und irgendwann artikulieren sie sich als politische Akteure und beginnen eine neue Ära.

Die Neuankömmlinge auf der politischen Bühne

Ein solches Wunder entfaltet sich gerade vor unseren Augen, heute, im Jahr 2019, dreißig Jahre nach dem letzten großen Wunder, als die Bürger Osteuropas ihre Angst abschüttelten und ihre Regimes stürzten. Heute allerdings gehen die Impulse tatsächlich von den Neuankömmlingen aus, von Schülern und Studenten. Sie artikulieren nichts anderes als ein fundamentales Recht: das Recht auf Leben unter lebensfreundlichen Umweltbedingungen. Keiner Generation zuvor wurde ein solches Recht abgestritten. Darauf gründet der Generationenvertrag jeder Gesellschaft: Die Älteren übergeben den Jüngeren eine Welt, in der es sich nicht schlechter leben lässt, die Jüngeren sorgen für einen entspannten Lebensabend ihrer Eltern. Die Demonstrierenden der ›Fridays for Future‹-Bewegung protestieren gegen die einseitige Aufkündigung dieses Generationenvertrages durch die Älteren. In wenigen Monaten haben es die Schüler und Studenten geschafft, die etablierte Politik vor sich her zu treiben. Und die macht die denkbar schlechteste Figur. Humorlos und schmallippig schwingen die einen den Rohrstock: Schule schwänzen müsse bestraft werden. Andere sprechen den ‚Kindern‘ das Urteilsvermögen ab. Diffamieren das Recht auf Leben und Zukunft als ‚Klimahysterie‘ und delegieren die Fieber senkende Therapie an die nächste Großkonferenz. Oder man raunt von phantastischen Technologien wie dem Brennstoffzellenflugzeug, der CO2-Einlagerung oder dem Geo-Engineering: unseren Ingenieuren wird schon etwas einfallen. Das alles ist nicht falsch, aber es wirkt als Feigenblatt, es verstellt den Blick auf die Maßnahmen, die sofort anstehen müssen, denn es bleibt uns kaum noch Zeit.

Umweltpolitik ja bitte, aber kostenneutral. Fiskalisch soll alles so bleiben, wie es ist. Die Demonstranten von heute sind die Steuerzahler von morgen, und spätestens dann werden sie, so das offenherzig-zynische Kalkül mancher Politiker, die Zwänge der Buchhaltung verstehen. Das mag sein, aber es übersieht ebenjenen Posten, auf den Hannah Arendt setzt: Stets pulsiert frisches Blut in den Arterien gesellschaftlicher Kreisläufe. Schüler und Studenten wird es solange geben, wie Menschen sich dazu entschließen, für Nachwuchs zu sorgen. Der Ruf nach einer ökologischen Aktualisierung des Generationenvertrages lässt sich nicht einfach aussitzen.

Die Lücke der Glaubwürdigkeit

Zwischen Reden und Handeln hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Lücke der Glaubwürdigkeit geöffnet. Sie hat sich zu einer eiternden Wunde entzündet, und über alle falschen Worte finden weitere Bakterien ihren Zugang zum infizierten Zellgewebe der Gesellschaft. Dort wuchert ein ideologisches Geschwür, das stark in Worthülsen auftritt, um möglichst schwach zu handeln. Es braucht ein Argument in neuer Qualität sowie eine kritische Masse derjenigen, die es artikulieren, um die eingespielten Diskursstrukturen einer gesellschaftlichen Praxis aufzubrechen. Die ›Fridays for Future‹-Bewegung hat beides erreicht. Das Argument ist schlicht und einfach: es geht darum, den Jungen ihre Zukunft nicht zu rauben. Der Weg zur kritischen Masse war länger, er begann am 20. August 2018 mit der einsamen Mahnwache der Greta Thunberg vor dem Schwedischen Reichstag. Bekannt sind alle Versuche seitens der Politik, aber auch mancher Medien, die Integrität der 16-Jährigen Schwedin und mit ihr die anschwellenden Schülerproteste zu diskreditieren, die zunächst in Australien und Belgien begannen und von dort aus auf viele andere Länder übersprang. Eine neue Ernsthaftigkeit nimmt ihren Weg in den politischen Diskurs, mit beeindruckender Energie organisiert eine mit den sozialen Netzwerken vertraute Generation eine Bewegung. Neue Gruppierungen wie ›Scientists for Future‹ und ›Parents for Future‹ schließen sich an. Die ‚alte‘ Diskursgesellschaft reibt sich verwundert die Augen: Wie ist es möglich, dass junge Menschen zwischen Pubertät und Adoleszenz plötzlich die Welt verändern können?

Plötzlich sieht vieles anders aus

Ebenso plötzlich sieht vieles anders aus: Da fragen sich Journalisten, ob sie nicht ihren journalistischen Auftrag verfehlten, als sie sich „mit den Geschichten abspeisen haben lassen, die ihnen die Politiker geliefert haben“ (so Marc Beise in der ZEIT vom 29. Mai 2019). Nicht selten haben die immergleichen, nach Parteienproporz ausgewählten Politgesichter bei Anne Will und Maybrit Illner die sachliche Auseinandersetzung torpediert mit ihren immergleichen ausgestanzten Parolen, mit denen sie sich gegenseitig ins Wort fallen. Plötzlich sieht vieles anders aus: Man sieht den eigenen ökologischen Fußabdruck – ist eine Kreuzfahrt wirklich noch zu wollen? Der Fernflug in die Sonne aus dem wintergrauen Europa? Unsere Ernährungsgewohnheiten? Plötzlich sieht vieles anders aus: Von ökologischer Verantwortung wurde viel geredet, jetzt kommt es darauf an, sie auch zu wollen und zu übernehmen. Plötzlich sieht vieles anders aus: Ist die ökologische Ernsthaftigkeit der jungen Generation vielleicht die letzte Trumpfkarte der Zivilgesellschaft, die sie gegen eine Ökodiktatur ausspielen kann?

Die letzte Trumpfkarte der Zivilgesellschaft

Wenn sie stechen könnte, diese Karte, dann wäre das ein grandioser Beleg für die Problemkompetenz einer freiheitlichen Zivilgesellschaft. In ihr würde die Wissenschaft nicht nur für technologische Innovationen gut sein, sondern auch für gesellschaftliche und kulturelle Expertisen. Der Jugendbewegung ist anzuraten, dass sie sich nicht vereinnahmen lässt von den Eliten der Gesellschaft. Dass sie ihre Beweggründe beharrlich vertritt und die korrumpierten Generationen vorführt. Dass sie auf Antworten pocht. Und wenn diese ausbleiben oder wenn wie bisher nur politisch verschwurbelte Attrappen als Antworten angeboten werden, dann sollte die Jugendbewegung ihr Vokabular verschärfen. Und wenn das alles nichts nützt, weil die Gesellschaft taub geworden ist in ihrem Hedonismus, dann bleibt ihr die ultima ratio: die Aufkündigung der Kooperation.

Spätestens dann zieht eine weitere neue Zeit herauf, die Zeit der Ökodiktatur. Bis dahin haben wir vielleicht noch ein oder zwei Jahrzehnte Zeit. Derzeit steht es günstig für die letzte Trumpfkarte der Zivilgesellschaft, denn in der Geschichte der Menschheit erfreute sich keine politische Bewegung so vieler Sympathien wie die jetzige Unruhe in der Jugend.


12. Januar 2019

blue marbleIm Dezember 1972 drückte der Astronaut Harrison Schmidt auf den Auslöser seiner Hasselblad-Kamera und schoss aus 45.000 Kilometern Entfernung ein Bild von der Erde. Nahezu wolkenfrei zeigt sich der afrikanische Kontinent vom Mittelmeer bis zum Kap der Guten Hoffnung, über dem Südpolarmeer tanzen weiße Wolkenfedern um die verschneite Antarktis. Blue marble, die Erde als eine blaue Murmel, das berühmteste aller Fotos von unserem Planeten.

Diese Bilder sind möglicherweise die wichtigsten Mitbringsel der Astronauten von ihren Mondflügen. Sie haben unseren Blick auf unser eigenes kosmisches Quartier verändert. Seitdem sehen wir unsere Erde gleichsam von außen, aus der Perspektive eines kosmischen Besuchers. Wir sehen das Ganze, erstmals. Ihre fragile Schönheit, das komplexe Zusammenspiel aus Licht, Atmosphäre und Wetter, den irdischen Garten für das Leben auf dem Land und in den Ozeanen. Philosophisch haben diese Fotos unseren Blick geweitet, denn über Jahrhunderte hinweg fixierten unsere Augen stets den Menschen, seine Freiheiten, Fähigkeiten und Bedürfnisse. Mit der Renaissance hat sich für ein halbes Jahrtausend eine starre anthropozentrische Sichtachse etabliert. Es zählen nur die Dinge, die uns nützlich sind. Selbst die philosophische Vernunft konnte den Verführungen kaum widerstehen, die vom Wahn der Machbarkeit ausgehen. Sie infizierte sich am Bazillus der Macht, als sie keine anderen Götter neben sich mehr duldete. Doch dann: Die Bilder von der aufgehenden Erde über der Einöde des Mondes. Mit ungeahnter Wucht sensibilisieren sie unsere Wahrnehmung für unser Oikos, für unser planetarisches Haus. Seitdem ist dem philosophischen Anthropozentrismus ein wichtiger Gegenspieler mit dem ökologischen Bewusstsein erwachsen. Es kultiviert nicht länger das Dogma der Nützlichkeit, sondern es richtet sich aus auf das Wunder und den Wert des Daseins.

Ideengeschichtlich muss man den Bogen weit spannen, um zu sehen, was gerade unterwegs ist. Und das ist atemraubend aufregend. Denn im Schatten der ökologischen Vernunft kommt eine alte Bewusstseinslage zu neuem Leben. Im Denken der europäischen Antike, aber auch in den Weltanschauungen der indischen und chinesischen Philosophien wurde das menschliche Selbstbild stets in größere Zusammenhänge gefügt. Der Mensch vollzog einen mal kleineren und mal größeren Grenzverkehr zwischen Mikro- und Makrokosmos. Immer ging es um die Frage, wie menschliches Handeln mit der kosmischen Ordnung harmonieren könne. Damit setzte sich der Erdenbürger zum Ganzen des Seins in Beziehung. Der Liberalismus, der heute in seinen Spielarten die Szene beherrscht, hat dagegen den Blick auf das Ganze preisgegeben. Das ist möglicherweise der Preis für den Fortschritt im gesellschaftlichen Leben. Ein Zuwachs an Selbstbestimmung, an Gerechtigkeit, an Wohlstand und Gesundheit. Das alles zur Verteidigung von Rationalismus und Aufklärung, von Technik und Wissenschaft. Doch die Naturkrise unserer Gegenwart ruft die holistischen Perspektiven zurück in unsere Aufmerksamkeit. Worauf können sich philosophisch unsere Hoffnungen stützen?

Auf eine Rückkehr von Spiritualität und Religiosität. Dosiert allerdings, nicht als Heilslehre, nicht als maschinenstürmender Irrationalismus, sondern um dem linearen Denken neue Flächen zu geben und vielleicht sogar eine dritte Dimension. Im Zeitalter des Liberalismus schreiten die Sehnsüchte nach dem Ganzen auf Taubenfüßen daher. Alles andere wäre ein Rückfall in das ideologische Zeitalter des Zwanzigsten Jahrhunderts. Der zarte Gang, für den ich plädiere, kann sich auf eine zweite fundamentale Sehnsucht berufen, auf das ästhetische Empfinden von Schönheit. Legen wir ästhetische Imperative an Stadtplanung, Industrieanlagen und Infrastrukturen! Und richten wir auch das soziale Leben im Kleinen wie auch im Großen an schönen Linien aus. Zugegeben: Der Schritt von Vision zu Wirklichkeit ist kein kleiner. Nur eine freie Diskursgesellschaft kann dafür Konzepte entwickeln. Aber ich setze alle Hoffnungen daran, dass unser ästhetischer Sinn die Brücke schlagen kann von den historischen Leistungen des Liberalismus zu den holistischen Neigungen der menschlichen Vernunft.

Dabei ist es nicht ohne Ironie, dass gerade die avancierte Technik der Raumfahrt die Menschheit sensibler und auch demütiger auf die Natur eingestimmt hat. Wenn Reisen das Bewusstsein nachhaltig verändert, dann sind es die Ausflüge in den Orbit. Alexander Gerst richtete im November 2018, kurz vor seiner Rückkehr von seinem zweihunderttägigen Aufenthalt in der Internationalen Raumstation, 400 Kilometer über der Erdoberfläche, eine Botschaft an die ungeborenen Enkel: „Wenn ich auf Euren Planeten so herunterschaue, dann denke ich mir, dass ich mich bei Euch wohl entschuldigen muss. Im Moment sieht es so aus, dass wir, meine Generation, Euch den Planeten nicht gerade in bestem Zustand hinterlassen werden,…dass wir die limitierten Ressourcen viel zu schnell verbrauchen. ... Ich hoffe sehr für Euch, dass wir noch die Kurve kriegen und ein paar Dinge verbessern können. … Und ich würd‘ mir wünschen, dass wir bei Euch nicht in Erinnerung bleiben als die Generation, die Eure Lebensgrundlagen rücksichtslos und egoistisch zerstört hat. Ich bin mir sicher, dass Ihr die Dinge inzwischen sehr viel besser versteht als meine Generation. Und wer weiß,  vielleicht lernen wir ja auch noch etwas dazu. Dass ein Blick von außen  immer hilft. Dass dieses zerbrechliche Raumschiff Erde sehr viel kleiner ist als wie es die allermeisten Menschen sich das vorstellen können.“

 

 


18. Dezember 2016

Manchmal brennt sich ein einziger Satz in unser Denken ein. Greift dort nach Überzeugungen, die im Laufe der Jahre zum festeren Sediment unseres Selbst- und Weltbildes geworden sind, und dreht ihre Hauptachse um einige Grade. Bei mir war es ein Satz des alten Aristoteles: Der Mensch ist das gemeinschaftsbildende Lebewesen, das zoon politikon.

Nicht, dass er neu für mich war, als er vor vielleicht vier, fünf Jahren seine Tiefenwirkung entfaltete. Aber wie so oft: Ich hatte ihm nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die ihm gebührt. Inhaltlich kam er mir eher wie ein seichter Gemeinplatz vor, allenfalls glänzend lackiert mit einem griechischen label, das den Menschen in den großen Zoo des tierischen Lebens zurückstellt. Doch irgendwann begann sie zu strahlen, die Formel des alten Aristoteles. Verband sich mit Kants Idee einer republikanischen Vernunft, die im Reich der Gedanken keine aristokratische Abstammung zertifiziert, sondern die nur solche Aussagen gelten lässt, die gute Begründungen bei sich führen. Im Denken sind wir alle gleichberechtigt. Und der stärkste aller Gedanken: Jedes Individuum kann seine Potenziale nur in einer gut funktionierenden Gemeinschaft verwirklichen, die dem Republikanismus der Vernunft die allererste Stimme gibt.

Als vor knapp dreißig Jahren die kommunistische Machtsphäre in Osteuropa zusammenbrach, da schienen die autoritären Herrschaften vor der republikanischen Vernunft zu kapitulieren. Heute ist vom damaligen Optimismus nicht mehr viel übrig geblieben. Der Mensch lebt immer noch im Zoo, mit ausgewechselten Gitterstäben seines Käfigs. Sie sind subtiler gedrechselt als die archaischen blanker Repression. Die Macht spielt auf der raffinierten Klaviatur der Ängste. Vielleicht, das sei zugegeben, ist das immer schon so gewesen, doch heute erreicht die manipulierende Ansprache dank Big Data jeden in seiner Individualität. Über wenige Parameter zeichnen die Netzwerke denen, sie sie lesen können, ein Bild von jedem von uns, das wissender ist als wir selbst von uns Kenntnis haben. Und ja, zugegeben auch, dass jeder von sich in einer Erlebnisperspektive berichten kann, wie es das Netzwerk nicht vermag. Zur Vision des Filmklassikers Matrix ist es noch ein langer Weg, wir sind noch nicht der Nährstoff für Maschinen geworden, die uns eine virtuelle Realität namens ›menschliches Leben‹ vorgaukeln. Das alles sei zugegeben, aber das Individualerlebnis ›Ich‹ entfaltet sich in einem erzählten Leben, und hier greifen die social bots an, genährt aus Facebook, Twitter und all den anderen sozialen Netzwerken, denen die Nutzer unbedarft ihre Daten hinterlassen. Das erzählende Leben öffnet seine Flanken für Gefühl und Affekt, für Vertrauen und Argwohn, für ›Ich‹ und die ›Anderen‹, Freund und Feind.

Die gerade zurückliegende US-amerikanische Präsidentenwahl hat ein neues Kapitel der Demokratie aufgeschlagen. Wir befinden uns an der Schwelle zur Cyberdemokratie. Die amerikanischen Geheimdienste warnen: Die deutsche Bundestagswahl 2017 sei die heiße Kandidatin des nächsten intelligenten Angriffs. Eine Verschwörungstheorie? Das wäre doch zu hoffen, aber ausgemacht scheint mir, dass die Bedrohung durch die Cyberdemokratie der Lackmustest für die traditionelle Demokratie sein wird, die aus dem freien Wählerwillen ihre repräsentativen Resultate schmiedet. Und die waren bislang auch geprägt durch humanitäre Werte wie Freiheit, Selbstbestimmung, Solidarität, Verantwortung, Akzeptanz anderer Lebenskonzepte mitsamt einer Kultur der Pluralität auf allen Feldern des sozialen und politischen Lebens. Schon Aristoteles‘ Formel vom zoon politikon hatte dem Konzept des guten und gelingenden Lebens ein soziales Kleid übergeworfen. Dabei galt ihm das politische Leben nicht als das höchste Lebensideal. Überragt wird es durch das besonnene Leben, das bei Aristoteles den Titel des philosophischen Lebens trägt. Wir Heutigen mögen dafür eine andere Bezeichnung haben, doch das ist nur Schale, der Kern ist derselbe: ein kritisches, sorgfältiges, sich in viele Richtungen orientierendes Denken. Und davon wünsche ich uns allen ein wenig mehr für das Jahr 2017.

 

 


Januar 2016

Die Wunde ‘Wirklichkeit’

Immer sind es einzelne Schicksale, die in den Mahlstrom der Kriege geraten. Dort kreisen sie unbeachtet von der Weltöffentlichkeit, von Damaskus über Kobane, Istanbul, Heidelberg und Vancouver. Vor und zurück. So wie die Familie des zweijährigen Aylan Kurdi etwa, der im September 2015 tot an einen türkischen Strand gespült wurde. Damals machte ein einziges Foto Weltpolitik. Heute, viereinhalb Monate danach, dreht sich die Stimmung erneut. Vor und zurück, der Gang der Welt. Im Januar 2016 warf das ZEIT-Magazin einen tiefen, anrührenden Blick in das Schicksal dieser Familie und berichtete ausführlich über die Verzweiflung und die Demütigungen, aber auch über die kleinen Gesten der Hoffnung. Die Familie Kurdi – ein Schicksal unter Hunderttausenden.

Es ist schwierig, gerade etwas „belastbar Sinnvolles“ zur Weltkrise Nummer Eins zu sagen: zum Zusammenbruch der islamischen Zivilisationen in weiten Teilen der Welt – mit dem daraus resultierendem Exodus von Abermillionen Flüchtlingen. Die Zeit eilt über die Ereignisse hinweg und ist dem Begreifen stets schon einen Schritt voraus.

Doch bevor das weltpolitische Drama in den nächsten Akt stolpert: den Zivilgesellschaften mit ihren unzähligen Helfern in der Krise gebührt die allerhöchste Anerkennung. Wenn Verantwortung gelebt wird, dann dort. Und ausdrücklich möchte ich all diejenigen mit einbeziehen, die ihre Arbeit vor Ort erledigen: Polizisten, Ärzte und betreuendes Personal, die Schiffsbesatzungen auf den Fregatten, aber auch Landräte, Bürgermeister und die vielen Namenlosen, die an den Stränden der Ägäis, an den Grenzposten der Balkanstaaten freiwillige Arbeit leisten. Und viele andere mehr. Wir würdigen sie viel zu selten, weil unsere Wahrnehmung medial kontaminiert wird durch das beschämende Geschwätz vieler Politiker, die sich in stets neuen Vorschlägen ergehen oder die ihre ermahnenden Finger auf andere richten. Unerträglich sind mir die Polit-Talkshows mit den immergleichen Phrasen!

Man erwarte keine großen Lösungen von den Philosophen. Vielleicht ist es an der Zeit, einfach einmal innezuhalten und sich die eigene Ratlosigkeit einzugestehen. Ja, ich kann beide Seiten verstehen – wir schaffen das, und wir schaffen das nicht. Sympathisch ist mir das Erstere, realistisch, fürchte ich, ist das Letztere. Und dieser Riss geht durch meine Person, er trennt die Bürger unseres Landes in zwei Lager und er spaltet Europa, er polarisiert die Zivilgesellschaften der Welt. Das moralisch Richtige und das politisch Richtige driften auseinander. Gewiss, das war wohl immer schon so. Aber jetzt bedroht der Dissens von Politik und Moral unsere europäische Identität. Oder – ist auch das wieder nur ein einseitiges Urteil?

Es sind harte Pillen, die wir zurzeit schlucken müssen. Jahrzehnte waren die Krisen immer nur die der anderen. Mit Scheckbuch-Diplomatie konnten wir uns stets freikaufen und unsere Westen weißeln. Doch jetzt sind wir plötzlich in der Wirklichkeit angekommen. Und in der politischen Sphäre gibt es keinen archimedischen Punkt, von dem aus die Realitäten zu modeln wären.

Und was wäre mit der Vernunft? Sie klagt das immense Gerechtigkeitsdefizit in den Gesellschaften an und ruft nach einem gigantischen Welt-Marshall-Plan. Sie deckt die strukturelle Gewalt im Wirtschaftsmodell auf. Sie legt das Verführungspotenzial der global zirkulierenden Bilderwelt bloß und zeigt auf, welche zerstörerische Kraft davon ausgeht, für Gemeinschaften wie für Individuen. Seit Jahrzehnten warnt die Vernunft davor, dass die freiheitlichen Zivilisationen an ihren eigenen Widersprüchen ersticken werden und ihren Fundamentalwert Freiheit preisgeben müssen, um zu überleben. All das ist wichtig und richtig. Die große Stärke der Vernunft ist ihr Weitblick. Aber das ist auch ihre Schwäche, denn damit läuft sie in zu großen Schuhen. Und stolpert über die vielen Zäune, die nationale Egoismen gezogen haben. Stolpert aber auch über die mentalen Abgründe, die sich ihr auftun in den Gesichtern der maghrebinischen Jungmänner am Silvesterabend. Über die Gerüchteküche von Pegida. Über das krumme Holz, aus dem der Mensch gezimmert ist.

Vielleicht ist es Zeit, philosophisch einmal innezuhalten und sich zu fragen: macht es sich die Vernunft zu einfach, in jedem Anderen ein Du zu sehen? Die Frage zielt tiefer als auf bislang praktizierte Abgrenzungen zu kulturellen Praktiken, die uns menschenverachtend scheinen. Sie zielt auf den Traum des abendländischen Universalismus, kleine Einheiten zu immer größeren zu verschmelzen, den Bürger zum Weltbürger etwa, die nationale, partikulare Gesellschaft zur Zivilgesellschaft, die über universale Werte mit anderen Zivilgesellschaften verbunden ist. Die humanitäre Krise wächst sich aus zur Krise des abendländischen Universalismus. Doch was hat das alles mit dem kleinen Aylan zu tun, der tot am Strand liegt? Ein gerade erst begonnenes Leben, scheinbar schlafend in kindlicher Unschuld und im Vertrauen auf elterlichen Schutz, würde nicht der Kopf umspült vom Wasser des Meeres, wären nicht Haare und Kleidung nass und der Körper erkaltet.

Die Wunde schmerzt. Ich kann sie nicht heilen.


11. Januar 2015

Liebe Leserin, lieber Leser,
nous sommes Charlie!

Es gibt Zeiten, in denen Philosophen auch politisch hervortreten müssen. Auch? Ist denn Philosophie im Kern unpolitisch?

Die Pariser Attentäter haben den freiheitlichen Zivilisationen den Krieg erklärt. Und weil es um Freiheit, um den obersten Wert unseres Zusammenlebens geht, muss und darf die Philosophie nicht schweigen. „Je suis Charlie“ – der Satz spricht philosophisch aus: Meine persönliche Identität endet nicht am Gartenzaun meiner Existenz, vielmehr bin ich Teil einer Kultur politischer Expressivität, der ich meine individuelle Freiheit verdanke. Ich bin ein Einzelner nur, weil ich das Glied einer Gemeinschaft bilde. Nicht ein stilles, sondern ein lautstarkes, ein solidarisches. Dafür sind am zweiten Sonntag des Jahres 2015 an die 4 Millionen Menschen durch die Straßen Frankreichs gezogen.

Was bleibt mir philosophisch dazu zu sagen?

Zunächst: die Opfer. Siebzehnmal der Tod, siebzehnmal ging plötzlich im Gewehrfeuer die Welt unter. Nicht, weil Krankheit oder Alter den Abschied forderten, sondern eine fanatische Ideologie, die denen, die anders leben, das Existenzrecht auf unserem Planeten verweigert. Siebzehn einzigartige Lebensgeschichten, siebzehn einzelne Welten aus Erinnerungen, Erwartungen, Plänen und Vorhaben. Ausgelöscht und ins schwarze Nichts gestoßen. Jede dieser Welten vernetzt und verbunden mit Angehörigen und Freunden und, wie im Fall der französischen Zeichner von Charlie Hebdo, mit Tausenden von Lesern und Millionen von Mitbürgern, die ganz gewiss nicht jede satirische Aussage teilen, das Recht und die Notwendigkeit der satirischen Aktion aber ausdrücklich bekräftigen. Und darum geht es jetzt, und nicht um Fragen des Geschmacks.

Sodann: Es gibt Zeiten, in denen es gilt, Farbe zu bekennen. Pegida? Nein danke. In Frankreich ist nicht das Volk auf die Straße gegangen, sondern Weltbürger – ein entscheidender Unterschied. ‚Volk‘, das sind Kollektive des 19. und 20. Jahrhunderts. Weltbürger hingegen gründen ihre humanitären Werte auf der universalen Menschengemeinschaft, sie grenzen sich nicht ab und nicht andere aus. Wahres Weltbürgertum setzt sich ein für das demokratische Recht auf Meinungsfreiheit und identifiziert sich mit denen, die intolerantem Hass zum Opfer fielen: „Je suis Charlie“.

Es gibt Zeiten, in denen das Wahre sich deutlich vom Falschen trennt – für Philosophen eine seltene Erfahrung, die ebenso selten im einzelnen Argument stattfindet. Eher schon geschieht das im Fluss von Gedanken, im dialogischen Austausch. Doch wenn die Zivilgesellschaft sich machtvoll äußert wie am 11. Januar 2015, dann ereignet sich Wahrheit geschichtlich – als die Wahrheit der Freiheit.

Danke, Stéphane Charbonnier, Jean Cabut, Georges Wolinski, Philippe Honoré, Elsa Cayat, Bernard Maris und Bernard Verlhac. Ihr habt uns in unser weltbürgerliches Gesicht schauen lassen, ihr habt uns zum aufrechten Gang gegen Intoleranz und Rassismus aufgefordert.

Wenn die Welt ein wenig näher zusammenrückt, wenn aus Gegnern Partner werden, dann war Euer Tod war nicht umsonst gewesen.


9. Januar 2011

Liebe Leserin, lieber Leser,

es gibt viele Beweggründe, sich mit der Philosophie zu beschäftigen. Einer davon ist gewiss die Suche nach dem Sinn des Lebens.

Irgendwann wird sie aufgetaucht sein in der frühen Menschheitsgeschichte, die Frage nach dem Sinn des Daseins. Unartikuliert zunächst, doch untergründig wirkte sie schon in der Organisation menschlicher Verbände. Dann in erzählerische Formen gegossen und dramatisiert in den großen Mythen, den Epen und den Tragödien. In den Weltreligionen und Philosophien schließlich fand sie zum Individuum selbst. Aus der Frage nach dem Sinn des Daseins wurde die nach dem Sinn des Lebens.

Kann die Philosophie darauf eine Antwort finden?

Eine direkte, lebenspraktische Anleitung zum sinnvollen Leben kann sie, denke ich, nicht leisten. Ihre Antworten sind verborgener und langatmiger als die der wohlfeilen Ratgeber und der esoterischen Träume, die überall in den Buchhandlungen ausliegen. Die Philosophie nämlich spielt die langen Pässe, sie bringt die Summe des intellektuellen, wissenschaftlichen und künstlerischen Lebens auf, um neue Deutungen an alte Auffassungen anzuschließen. Wir Individuen stehen in einem unvollendbaren Fluss von Interpretationen, die jede Epoche, jede Kultur sich erfindet. Philosophieren heißt, bewusst daran teilzuhaben und mitunter dabei ganz große Funde zu machen. Funde, die unser Selbstverständnis verändern, die uns die Dinge neu sehen lassen. Wenn wir philosophieren, wirklich philosophieren und nicht nur nachsprechen, dann lernen wir, unser kulturelles Selbst zu verstehen, um unser individuelles Ich in größerer, weil weltoffenerer Perspektive zu erkennen. Dann ist es da, das Erlebnis von Sinn.

Das ist leichter hingeschrieben als wirklich erfahren und erlebt.  Mir persönlich gelingt das, wenn überhaupt, nur in sehr seltenen Momenten.  Ich komme mit der Suche nach dem Sinn des Lebens nicht zur Ruhe, allenfalls in flüchtiger Erscheinung erlebe ich ihn. Aber das reicht hin, um darin bestätigt zu sein, dass die Suche nach Sinn und Bedeutung selber schon Ausdruck eines sinnhaften Lebens ist.

Also wäre denn der Weg das Ziel? Diese ein wenig abgegriffene Formel bringt zwar sehr treffend die Weisheit zum Ausdruck, dass das Leben seinen unbedingten Wert in sich selbst trägt. Es kommt aber auch darauf an, wie wir unser Leben führen. Ob wir die Möglichkeiten ergreifen, die das Leben bietet. Das aber wäre die Frage nach dem richtigen Leben. Davon ein anderes Mal.

 


                                    26. Januar 2010

Liebe Leserin und lieber Leser!

Desöfteren werde ich gefragt, ob die Philosophie einen Nutzen habe für das praktische Leben. Ich muss Ihnen gestehen, dass mich diese Frage in einige Verlegenheit bringt. Denn das Verlangen nach Nützlichkeit macht aus der Philosophie einen Bilanzposten in einer strategischen Kalkulation. Und das verursacht mir doch ein wenig Bauchgrimmen.

Andererseits sollte das Philosophieren auch kein nutzloses Unterfangen sein. Es wäre weltfremd, in ihr nur ein intellektuelles Spiel sehen zu wollen. Das würde verkennen, dass die Philosophie sich seit jeher als eine Tätigkeit verstanden hat, die zur Orientierung im Dschungel der Meinungen und Erkenntnisse beitragen möchte.

Nein, ich finde keine eindeutige, schnelle Antwort auf die Frage nach dem Nutzen des Philosophierens. Eher führt es mich ins Nachdenken über das Nützliche: Sind wir mit Nützlichkeitserwägungen nicht irgendwie auf dem Bazar und schachern dort um unsere Einsätze? Ist man nicht kurzsichtig, wenn man stets nur konkrete Ziele vor Augen hat? Sollten wir nicht das Nützlichkeitsdenken hinter uns lassen, wenn es uns um die ferneren Absichten unseres Daseins geht?

Der Philosoph Georg W.F. Hegel hatte einmal gesagt: „Nur das Ganze ist das Wahre.“ Mich hat dieser schlichte Satz stets beeindruckt. Zwar ist (gegen Hegel gewendet!) das ‚Ganze‘ für unsere endliche Vernunft nie zu erreichen, aber genau dieses Manko ist für uns Menschen der beständige Antrieb unseres Strebens – und der Ursprung eines sehr tiefen Glückes. Das gilt auch und vor allem für die Philosophie. Denn wer philosophiert, der ist aktiv mit dem Fluss des Lebens verbunden, der ist Teilnehmer einer großen Kommunikationsgemeinschaft, die sich weit über Zeit und Raum erstreckt und der die Lebenden wie die Toten angehören. Vielleicht war es diese Besonderheit des philosophischen Gesprächs, die den alten Griechen Aristoteles zum schwärmerischen Gedanken verleitete, dass die Götter die glücklichsten Wesen seien, weil sie unablässig philosophierten.

Also doch ein ‚Nutzen‘ der Philosophie? Ja, aber auch mehr, denn es geht dem Philosophieren um den Sinn unseres Daseins. Doch darüber ein anderes Mal an diesem Orte!

                                            

Philosophisches Forum

 
 

Peter Vollbrecht