Gehen und denken – Nietzsche in Sils Maria

 

Friedrich Nietzsche „erging“ sich seine Gedanken, und das gelang ihm nirgendwo besser als im hochalpinen Sils Maria. Auf philosophischen Reisen wird seinem Denken vor Ort buchstäblich nachgegangen. Von Harald Sager

Die Presse, Wien

 

Der „Philosoph mit dem Hammer“, der Verkünder des „Übermenschen“ und der „Herrenmoral“ war in Wirklichkeit ein schwerkranker Mann: schwer fehlsichtig, mit Migräne und Erbrechen geschlagen und von der Angst erfüllt, ebenso wie sein Vater schon in früheren Jahren an – wie man es damals nannte – „Hirnerweichung“ zugrunde zu gehen. Seine Professur musste Friedrich Nietzsche 1879 mit nur 34 Jahren krankheitsbedingt zurücklegen. Das kam ihm absolut nicht ungelegen: Von der Altphilologie hatte er sich ohnehin bereits entfernt, ihm ging es jetzt darum, die Philosophie, die unablässig in ihm rumorte, in die Welt zu bringen.

Fortan nomadisierte Nietzsche durch Deutschland, Südfrankreich und Italien, immer auf der Suche nach einer Bleibe, die es ihm ermöglichen würde, ungestört zu denken und zu schreiben. In den Wintern fand er sie an Orten wie Rapallo, Sorrent, Genua und Nizza. Als jemand, der den Zarathustra in Gedanken bereits mit sich herumtrug, dachte er für die Sommermonate natürlich an die Berge.

Die Wahl fiel zunächst auf St. Moritz im Oberengadin, das in jener Zeit bereits ein weltbekannter (Wasser-)Kurort war. Obwohl nicht eben leicht zu erreichen: Man reiste von Chur mit der Postkutsche an, um 6 Uhr Früh ging’s los, um 17 Uhr war man da, die Rhätische Bahn gab es damals noch nicht. Die hochgebirgige Landschaft, die kraftspendende Luft, das klare Licht waren ganz nach Nietzsches Geschmack. Und vor allem: Die Migräne war verflogen. „Mir ist, als wäre ich im Lande der Verheißung“ schrieb er in einem Brief an seine Schwester Elisabeth.

Von der Universität Basel bezog Nietzsche eine Jahrespension von 3.000 Franken. Damit konnte man bei bescheidener Lebensführung durchkommen. In St. Moritz kosteten jedoch selbst die günstigsten Zimmer 30 Franken im Monat. Auf der Postkutschenstation riet man ihm, es doch stattdessen in Sils Maria, zehn km weiter in Richtung italienischer Grenze, zu versuchen. Das tat er, und hier waren die Verhältnisse gleich ganz anders: ein touristisch unerschlossener Ort auf 1.800 Meter, mächtige Berge ringsum, und das einfache Zimmer, das er im ersten Stock einer Kolonialwarenhandlung bezog, kostete nur einen Franken im Monat. Den Berglern von Sils Maria muss der mal jubelnd hochgestimmte, mal düster einsilbige Nietzsche wie von einem anderen Stern hereingeschneit vorgekommen sein. Aber sie fanden bald heraus, dass der leicht weltfremde Basler Professor menschlich harmlos war – ganz im Gegensatz zu seinem Denken –, und achteten ihn.

„Geh“-dankengänge

Hier in Sils Maria machte Nietzsche sich an die Arbeit, und das hieß: im Gehen. „Sein Kopf war übervoll, er brauchte den Rhythmus des Gehens, um denken zu können. Er ,erging’ sich seine Gedanken“, sagt Peter Vollbrecht, der die philosophische Reise nach Sils leitet. Und es entsprach auch Nietzsches Auffassung von Philosophie: frisches, ambulantes, aus sinnlicher Erfahrung gewonnenes Denken, nicht die am Schreibtisch entstandenen lebensfernen Blüten der – von ihm wie von seinem Vorläufer Schopenhauer so verachteten – „Kathederphilosophen“ und Philosophieprofessoren. Nietzsche hielt beim Spazierengehen seine Gedanken stichwortartig im Notizblock fest, nachts arbeitete er das Ganze aus. Damit ist auch erklärt, weshalb ein Großteil seines Werks aus Skizzen, Aphorismen und eher kurzen Texten besteht.

Der Schöpfer des „Zarathustra“, des vom Berg herabgestiegenen Propheten des Neuen Menschen, muss sich natürlich ständig in der bis auf 3.300 Meter (Piz Corvatsch) reichenden grandiosen Alpenwelt aufgehalten haben – sollte man glauben. Stimmt aber nicht. Dazu sah er nämlich zu schlecht. Tatsächlich war Nietzsche nur in der Ebene und auf gebahnten Wegen unterwegs. Gerade noch, dass er es bis ins liebliche Fextal schaffte. Da sich dieses nach sanften Anstiegen allerdings ziemlich steigert, wird er wohl wieder Richtung Silsersee abgestiegen sein. Es gibt dort einen angenehmen Weg durch Wiesen und Wälder von Lärchen und Zirben, hier Arven genannt.

Normalerweise umrundete Nietzsche den Silser- oder den Silvaplanersee, in deren Mitte sich Sils Maria befindet, oder spazierte zur Spitze der Halbinsel Chasté. Dort wird er auf den türkisfarben gleißenden, von Bergen eingerahmten Silsersee mit der kaum sichtbaren Silhouette von Maloja am anderen Ende geblickt haben. Es war sein Lieblingsort in Sils Maria. Die in einen Felsen gehauene Tafel mit dem Gedicht „O Mensch! Gib acht!“ aus dem „Zarathustra“ erinnert daran, sie wurde noch von Nietsches Schwester veranlasst.

Ein weiterer Erinnerungsort ist der Zarathustra-Felsen auf dem Weg entlang des Silvaplanersees, bei dessen Ansicht Nietzsche die ersten Gedanken zu diesem epochalen Buch gefasst haben soll. Daran allein lässt sich die leichte Entzündbarkeit seines Denkens ermessen, denn es ist ein eher mickriger, vielleicht zweimal mannshoher pyramidenförmiger Felsen. In der umliegenden Bergwelt, beispielsweise auf dem Höhenweg in Richtung Malojapass, hätte er ganz andere, eines Zarathustra würdige Brocken vor sich gehabt! Aber dort oben war er ja nicht anzutreffen.

Im Nachgang zu Nietzsche

Auf Peter Vollbrechts philosophischer Reise wird Nietzsches Denken anhand von dessen Routen im Umkreis von Sils Maria buchstäblich nachgegangen. Allzu schwierig sind sie, ganz dem Vorbild verpflichtet, ja nicht, und Gipfel wie den Corvatsch zu besteigen ist auch gar nicht nötig, schließlich führt heutzutage eine Seilbahn hinauf. Von der dortigen Aussichtsterrasse öffnen sich bei gutem Wetter herrliche Blicke zum nahen, markanten Piz Bernina mit seinen über 4.000 Höhenmetern bis hin zu den Ötztaler Alpen in der Ferne.

Die Gruppe von etwa zwanzig Personen wandert also auf nicht zu schwierigen, gut aufbereiteten und bestens ausgeschilderten Pfaden, gelegentlich wird an besonders pittoresken Plätzen Halt gemacht, und Peter liest vor, beispielsweise aus Nietzsche-Gedichten, oder erzählt über Nietzsches Beziehung zu Lou Salomé, die ja einen eher grotesken Verlauf nahm. Er verbrachte alle Sommer zwischen 1881 und 1889 in Sils Maria, mit Ausnahme von 1882, als ihn die Affäre – oder war es doch keine Affäre? – mit Salomé an andere Orte verschlug.

Anekdoten dieser Art sind die leichtere Kost, morgens und an den späten Nachmittagen wird versucht, Nietzsches Denken zu erhellen. Kein harmloses Geplauder – allein schon deshalb, weil einige Aspekte dieses Denkens auch heute noch anstößig sind. Aber auch deswegen, weil sich die Teilnehmer – darunter viele Universitätsleute, Akademiker, Lehrer im Ruhestand ... auf intellektuell sehr anspruchsvollen Höhen bewegen.

Peter Vollbrecht, der sich selbst ausdrücklich als Philosophierenden, nicht als Philosophen bezeichnet – denn diese seien „Diskursbegründer“ –, beginnt mit einem Impuls-Vortrag und anschließender Lektüre. Dann ist die Diskussion eröffnet, die immer wieder eine erstaunliche Breite an Interpretationen offenbart. Peter fällt die schwierige Aufgabe zu, den ganzen Fächer der gedanklichen Positionen zu sortieren und zusammenzufassen, und er tut das brillant, versiert, erhellend. Und versöhnlich. Trotzdem geraten sich die Diskutanten immer wieder in die Haare, zum Beispiel bei der Frage, ob Nietzsches Idee von der Ewigen Wiederkehr des Gleichen nun kosmologisch oder ethisch zu verstehen sei. Oder vielleicht sogar wortwörtlich? „Könnte es sein“, fragt er, „dass wir in jedem Augenblick an einem Nullpunkt stehen, an dem wir uns ethisch entscheiden können, so vorzugehen, dass wir es auf uns nehmen könnten, ihn immer wieder neu zu erleben?“ Die einen finden das einen hanebüchenen Unsinn, einen Humbug, und werden sogar laut. „Wir sind in einem Ausnahmezustand, das ist ja kein Wunder bei diesem Wahnsinn“, ruft eine Teilnehmerin aus. Die spekulativer Aufgelegten hingegen können dem Gedanken schon etwas abgewinnen. – „In hundert Jahren wird man mich verstehen“, hatte Nietzsche vorausgesagt. Na, zumindest wird immer noch daran gearbeitet.

 

Philosophisches Forum

 
 

Peter Vollbrecht