Philosophische Spaziergänge an der Seine
Eine philosophische Liebeserklärung an Paris

Von Peter Vollbrecht

 

Das war knapp! Gerade habe ich es noch bemerkt, eine leichte Berührung am Gesäß, kaum gespürt, als ich treppauf, treppab den großen Koffer durch die unterirdischen Katakomben des Gare de l’Est schleppe. Schnell drehe ich mich um – und blicke in die unschuldigen Gesichter dreier vielleicht 14-jährigen Jungen mit mahgrebinischen Gesichtern. So ganz ohne Antwort möchte ich nicht bleiben und greife einen von ihnen am Hemd. Ein Lachen, eine Drehung, und auf und davon sind sie.

Paris – hierhin strömen sie aus den banlieue, den zementenen Vorstädten, um Geld zu machen. Gnadenlos schichten die exorbitanten Stadtmieten die Gesellschaft – 2500 Euro für eine Dreizimmerwohnung, oder soll man nicht doch gleich kaufen für 1,8 Millionen? Wer hat, der hat, und der große Rest muss rennen, hetzen, buckeln. Der Tourist steht immer jemandem im Weg, den es schneller treibt, Lebensgeschwindigkeiten kollidieren und bilden graue Schnüre in den Straßen. Atemlos ist diese Stadt, haltlos und grausam. Aber auch: prächtig, elegant, träumerisch, eine Stadt zum Verlieben, wenn man damit das Leben meint, das in Paris seinen modernen Mythos gefunden hat. Das in Romanen Gestalt gewonnen hat und in der bildenden Kunst, in den Filmen der Nouvelle Vague und in den Chansons der Pariser Bühnen. Und eben auch in den legendären philosophischen Hörsälen des Collège de France oder der École Normale Supérieure, ein paar Steinwürfe entfernt von unserem Hotel im Quartier Latin, wo Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir ihr Examen ablegten.

Spätestens seit der Befreiung 1944 schlägt hier das kulturelle Herz Europas, auch heute noch geben die französischen Intellektuellen den Ton an. Philosophische Gedanken wurden in Frankreich auf urbanem Pflaster geboren, auf den abendlichen Trottoirs, beim Warten auf die Métro, im Deux Magots im Saint Germain des Prés oder, wie Albert Camus einmal sagte: in belangloser Zufälligkeit in der Windfangtür eines Restaurants. Auf unseren philosophischen Streifzügen durch die Nachkriegsjahrzehnte erkunden wir es auf einer Reise, die ein anderes Paris aufsucht als das von der touristischen Stange. Es hat seinen besonderen Charme, hinauszutreten auf einen belebten Boulevard nach einer konzentrierten Debatte über die Existenzialisten und einzutauchen in die quirlige Gegenwart. In einem Café am Fuß des Montmartre bei abendlichem Wein dann zurückzufinden zum Beginn des letzten Jahrhunderts oder beim Überqueren des Place de la Concorde gar an die Guillotine Robespierres erinnert zu werden. Auch wenn unser Focus historisch sehr viel enger ist – der Blick geht immer durch die Zeiten, denn Paris, das ist steingewordene Geschichte, die über ihre Monumente hinweg in die Gegenwart pulsiert.

Von Paris aus erzählt sich uns auf dieser philosophischen Reise eine Zeit, an der wir alle teilgehabt haben in jüngeren Jahren – authentisch biographisch oder in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft, dann kolportiert in den Erzählungen von Eltern, Lehrern, Filmen oder einfach in Texten, die uns genährt haben. Eine Selbstbegegnung der besonderen Art also, diese fünf Tage Paris, die, wenn die Abreise naht, wieder einmal viel zu kurz gewesen sein werden. Wir erinnerten uns und besuchten die Orte, die während der Diskussionen aufleuchteten im Seminarraum des Hotel Minerve: das Café de Flore, wo Jean Paul Sartre mit Simone de Beauvoir über die existenzialistische Freiheit debattierte. Die Straßen im Quartier Latin, wo in den kurzen Wochen des Mai `68 die Existenz der Vierten Republik unter dem Druck der Straße ins Wanken geriet. Das avantgardistische Musée du Quai Branly, dem der Ethnologe Claude Lévi-Strauss einen Großteil seiner Sammlung vermachte, die er aus den ‚Traurigen Tropen‘ mitbrachte. Das in die Jahre gekommene Centre Pompidou, das die Besucher durch seine Glasröhren zur Nachkriegskunst pumpt. Oder die Ausstellung über die drei großen Filmzentren Paris, Berlin und Hollywood in der Cinématèque Française, dem filmischen Gedächtnis Frankreichs. Oder, und, oder, - es gibt so viele Anknüpfungspunkte für die philosophische Hauptstraße unserer Reise.

Und die weitet sich zu vier großen Schauplätze. Der erste verbindet sich auf geradezu magische Weise mit Paris: der Existenzialismus, verbunden mit den drei großen Namen, die in Paris (fast) jeder kennt. Weit über die Metropole hinaus erfasste die linksintellektuelle Welle der 70er Jahre ganz Europa. Der Kalte Krieg spaltete aber auch die Philosophen mit den ‚Kulturmarxisten‘ (Marcuse und Adorno) auf der einen Seite und den ‚Neuen Philosophen‘ (A. Glucksmann) auf der anderen, für die Alexander Solschenizyns Lagerromane ein Fanal waren.  Auch die hermeneutische Strömung war links- wie rechtsrheinisch verbreitet. Aber genuin französische Wurzeln hat die postmoderne Philosophie, die auf die Psychologie, den Feminismus und auf die postkolonialen Diskurse wirkte. Allesamt Entwicklungen, die einem Lebens- und Zeitgefühl vorgriffen, das ab den 90er Jahren dann endgültig Eingang in das gesellschaftliche Bewusstsein gefunden hat: die globalisierte Welt, in der die alten Zentralmächte sich mit neuen Mitspielern arrangieren müssen.

Und diese neue Unübersichtlichkeit, wie Jürgen Habermas die Gegenwart einmal auf den Nenner brachte, sie zeigt sich im vielleicht Schönsten, was Paris auszeichnet: die Gesichter der Menschen. Es sind Gesichter aller Kontinente, die von individuellen Lebensgeschichten erzählen, Gesichter aber auch, aus denen die Spasmen der Weltgeschichte sprechen. Stundenlang könnte man betrachten und träumen über das Woher und Wohin, über warum und wozu. Paris, es ist immer noch die Stadt der blauen Stunde.

 

Philosophisches Forum

 
 

Peter Vollbrecht