Ruhe, Kargheit, intensive Natur: Die Hallig Langeneß liegt mitten in den Gezeiten – doch schnell fühlt sich der Besucher dort, als läge sie außerhalb von Raum und Zeit. Ein guter Ort, um über die Zeit und das Leben zu philosophieren.

Zeit für eine Aus-Zeit

Von Claudia Schuh

Auf der Nordsee-Hallig Langeneß herrscht die ewige Wiederkehr von Ebbe und Flut. Bei Ebbe scheint das Leben eine Pause einzulegen. Die See ist weit entfernt. Der Trubel des Lebens auch. Der Rhythmus verlangsamt sich, Gedanken werden ruhiger. Im Frühjahr, wenn der Wind noch rau bläst und die Sonne weniger wärmt, kann man die Tagesgäste einzeln zählen. Dann sind die wenigen Bewohner mit ihren Schafen und Rindern unter sich.

Peter Vollbrecht, von Beruf Philosoph, nennt die Hallig einen "atmenden Organismus". Der Endfünfziger, Lockenkopf und spitzbübisches Grinsen, bietet Philosophie-Reisen auf der ganzen Welt an. "120 Tage im Jahr bin ich sicher unterwegs," sagt der gebürtige Berliner und Wahl-Schwabe. Er veranstaltet Kant-Seminare in Eisenach, Kierkegaard-Projekte auf der dänischen Insel Bornholm, Buddhismus-Kurse in Myanmar. Die Marschinsel im friesischen Wattenmeer ist für ihn immer wieder ein besonderer Seminarort. "Das Wasser zeigt die kosmische Reise. Es unterstreicht die Zeit, die vergeht. Es ist ein guter Ort, sich dem Zeitbegriff zu nähern."

"Was also ist die Zeit?", wollte schon der Kirchenvater Augustinus vor 1600 Jahren wissen, und die elf Frauen und Männer, mehrheitlich über 50, stellen sich im Seminarraum des Gasthofes "Hilligenley" drei Tage lang dieselbe Frage. Sie kommen aus allen Teilen Deutschlands. Eine Englischlehrerin in Pension aus Erlangen sitzt am Tisch, eine Unternehmerin mit ihrer besten Freundin aus Essen, ein Biologe aus Mainz, der mit seinem trockenen Humor alle ständig zum Lachen bringt. Zwei Betriebswirte, einer der pausenlos monologisiert, nicht zum Punkt kommt und immer wieder Wirtschaftsthemen einflechtet, ein Rentner aus Frankfurt, dem das alles zu wirr ist, eine Künstlerin aus der Nähe von Freiburg, die Inspiration sucht - sie alle eint die Frage nach dem Wesen der Zeit.

Es sind ganz verschiedene Gründe, die die Teilnehmer auf die Hallig geführt haben. Die meisten lockte die Aussicht auf anregende Gespräche und Gesellschaft, manche die Natur, andere haben etwas erlebt, was sie auf das Thema der verrinnenden Zeit gestoßen hat. Das wahre Glück, da sind sich alle einig, liegt hier im zweckfreien Denken.

"Ich bin kein Therapeut", darauf legt Vollbrecht wert. Der Philosoph ist eher so etwas wie der Reiseleiter der Exkursion. Drei Tage lang wird er die Gruppe führen, drei Stunden in der Früh, dann nochmal zwei vor dem Abendessen. Tief hinein in die labyrinthischen Welten der großen Denker und Philosophen, auf Wegen, die versanden, und auf Umwegen, die zu Zielen führen, die man gar nicht angepeilt hat.

An jedem Tag nähert sich die Gruppe aus einer anderen Richtung dem Phänomen der Zeit. Peter Vollbrecht referiert, dann wird diskutiert. Mal berichtet Vollbrecht vom Zeitverständnis verschiedener Kulturen: dem zyklischen der Sumerer und Babylonier, dem linearen der Juden und Christen. Promoviert hat Seminarleiter Vollbrecht über Hegel und Celan, dann fünf Jahre an der Universität von Delhi in Indien unterrichtet. Mit ruhiger Stimme führt er die Gruppe durch die Denkmodelle, schließt manchmal die Augen, macht Pausen, fasst zusammen.

Draußen kommt und geht das Meer, ein sonnenbeschienener Leuchtturm ist durch die Fensterscheibe zu sehen, drinnen am Tisch kreisen die Gedanken und Gespräche um Worte wie "Raumzeit", "Zeitbewusstsein" und "Einsteins Relativitätstheorie". Vollbrecht redet über das Zeiterleben von Aristoteles bis Heidegger, während im Schankraum mit der niedrigen Holzdecke ein paar Einheimische über ihre Pils- und Schnapsgläser gebeugt sitzen und sich vermutlich fragen, was die im Nebenraum eigentlich verdammt noch mal die ganze Zeit treiben.

Den Gezeiten nachhängen

Wenn die Luft im Seminarraum vom Denken langsam verbraucht ist, zieht es die Gruppe hinaus ins Freie: Manche gehen Wattwandern, andere spazieren über die Deiche, wieder andere wollen Vögel beobachten, lesen oder einfach dem Lauf der Gezeiten nachhängen und Nichtstun - sich Zeit nehmen. Ob wolkenloser Sommerhimmel, stürmischer Wind oder unaufhörlicher Regen - der Natur fühlt man sich hier ganz nah.

Die Nordsee-Hallig Langeneß: Das sind wenige reetgedeckte Häuser. Sie stehen auf 18 künstlich aufgeworfenen Hügeln. In der ebenen Landschaft wirken die "Warften" wie Maulwurfshügel. "Schwimmende Träume" hat Theodor Storm die Halligen einmal genannt. Vor dem Meer ungeschützt liegen die nicht eingedeichten Inseln inmitten des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Autos fahren auf den wenigen schmalen Straßen kaum. Man muss nur selten einem Auto oder einem Traktor ausweichen. Es gibt eine alte Kirche mit Kirchhof, das Kapitän-Tadsen-Museum, eine Bank, einen Hallig-Kaufmann am anderen Ende, etliche kleine Cafés, 120 Bewohner. Sie ist mit zehn Kilometern die größte Nordseehallig.

Vom Glück, Zeit zu haben

Die Hallig-Bewohner, so merken wir, lassen sich auch heute noch nicht von Smartphones gängeln. Ihr Zeitbegriff scheint wirklich noch ein anderer zu sein. Was also die Zeit sei, hat Augustinus in seinen "Bekenntnissen" wie folgt beantwortet: "Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich aber einem Fragenden es erklären, weiß ich es nicht." Was es mit der Zeit, diesem flüchtigen Element, nun auf sich hat, das kann keiner am Ende des Seminars sagen. Während der Tage auf der Hallig bleibt immerhin genügend Zeit, um in der entschleunigten Zeitblase zu sinnieren. Und festzustellen, dass alleine schon das Innehalten und sich "Zeit nehmen" dazu führt, dass man plötzlich "Zeit hat". Und dass Zeit haben definitiv glücklich macht.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 10.05.2014

 


 

Was also ist die Zeit?

Eine philosophische Reise über den Ursprung des Zeitbegriffs ins nordfriesische Wattenmeer.

Von Beate Köhne

 

Ein philosophischer Geist ist nirgendwo zu Hause. Daher ist es nur konsequent, ihn unterwegs zu befragen. Genau das ist das Konzept einer philosophischen Reise.

Das Ehepaar aus Krefeld sitzt kopfschüttelnd beim Kaffee. Im Laufschritt sind wir soeben an ihnen vor bei in Inkes Cafe gestürmt, wo Inke, erklärte Doppelkopfkönigin der Hallig Langeneß, dick geschmierte Mettwurstbrote und selbst gebackenen Kuchen auftischt. Atemlos haben wir um zwei Brote zum Mitnehmen gebeten, kurz die Krefelder gegrüßt, die im selben Gasthof nächtigen, und uns dann kauend entschuldigt: »Wir haben keine Zeit, gleich beginnt unser Seminar wieder!«

Um welches Seminar es geht, das weiß auf der Hallig wohl jeder: Die Philosophen sind wieder da! Da bei gibt es unter uns nur einen, der diese Bezeichnung verdient, und das ist Seminarleiter Peter Vollbrecht. Unter seiner Leitung haben zwölf Urlauber eine philosophische Reise angetreten. »Flutende Zeit« ist das Thema, das uns auf Langeneß drei volle Tage lang beschäftigt. Wir erkunden die Geschichte des Zeitbewusstseins, Zeittheorien der Physik und der Philosophie und diskutieren über subjektives und objektives Zeitempfinden.

Der Ort ist perfekt gewählt: Schließlich geben auf ei ner Hallig die Gezeiten den Takt vor. »Leerung tidenabhängig« steht an den Briefkästen, die Flut spült nicht nur den Postboten zur Hallig. Zweimal täglich kommt und geht sie wieder, genau wie die Fähre, die sich ihren Weg geruhsam in schmalen Fahrrinnen bahnt, vorbei an Seehunden und Eiderenten, die sich auf Sandbänken sonnen. Eine Hallig ist keine Insel, sondern eine Aufschlickung, umspült von den Elementen. Kommt die Sturmflut, dann schauen einzig die Häuser auf ihren erhöhten Warften aus dem Wasser. Diese Erdhügel sind zwar künstlich aufgeworfen, doch richtige Deiche gibt es nicht.

Die Grenzen zwischen Land und Wasser verlaufen fließend, und wenn wieder mal »Land unter« ist, dann sitzen auch die Urlauber fest. Eile auf einer Hallig, das ist also nicht nur unangemessen, sondern irgendwie wider die Natur. Trotzdem endet die Mittagspause für die Seminarteilnehmer um Punkt 14 Uhr, und wer es wie wir vorgezogen hat, die Umgebung per Rad zu erkunden, anstatt in Ruhe zu es sen, jetzt aber den einführenden Vortrag über Henri Bergsons Verständnis von Dauer nicht verpassen möchte, der muss sich gegen den Wind und in die Pedale stemmen, während die Krefelder bedächtig an ihrem heißen Kaffee nippen: Diese Philosophen! Welch ein Unsinn!

Dabei sind es ganz normale Leute, die sich hier zusammengefunden haben. Da ist zum Beispiel die Sozialarbeiterin Eva-Maria, die eigentlich in die Wüste hatte fahren wollen. Doch als sie von der Reise über die Zeit las, änderte sie ihre Pläne sofort, verspach das Thema doch ebenfalls eine komplette Auszeit von allem Alltäglichen. Freude an der gedanklichen Auseinandersetzung und an der Diskussion, diese Worte sind in der Vorstellungsrunde häufig erwähnt worden. Einzig ein Neurologe aus Lü beck sucht Konkretes: Erarbeitet unter anderem mit Menschen, denen das Zeitverständnis verloren ging, und verspricht sich andere Zugänge zu einem vertrauten Thema.

»Wie können Sie von der Vergangenheit als einem Hirnkonstrukt sprechen?«, wird der Neurologe ge fragt. Er ist ein Freund der Gegenwart und hat das - wie wir später erfahren sollen - möglicherweise mit Augustinus gemein, der, ausgehend vom inneren Zeitempfinden, die Vergangenheit nur als die »Gegenwart von Vergangenem« verstanden wissen wollte. Als die Münchnerin zur Diskussion stellt, dass Zeit unglaublich gerecht sei, weil jeder die glei che habe, geht niemand darauf ein. Alle halten die Frage für interessanter, ob unser Leben nun stärker von der linearen als von der zirkulären Zeit beein flusst wird.

Währenddessen zieht sich draußen vor dem Fenster des Gasthofs Hilligenlei das Meer zurück - Ebbe und Flut als klassischer Fall von zirkulärer Zeit. Als wir bei der Revolution des Zeitbewusstseins durch das Ju dentum angekommen sind, liegt das kleine Boot in der Hafenbucht schräg im Schlick. Sei es nun die Weltschöpfung, das Bewusstsein oder die Ge schichtsphilosophie - beim Reden über die Zeit ge rät man schnell vom Hundertsten ins Tausendste. »Wir wollen hier ja immer fünf Welträtsel lösen in jedem Gespräch«, entfährt es dem Neurologen. Doch Seminarleiter Peter Vollbrecht moderiert die Beiträge der Teilnehmer - höflich, aber bestimmt - immer wieder in zeitgemäße Bahnen.

D e Frage, warum er sich auf philosophische Reisen spezialisiert habe, beantwortet er zunächst mit einer Gegenfrage. Ob man lieber die poetische oder die nüchterne Antwort haben wolle? »Typisch Philosoph!«, denkt man sich insgeheim. Und erfreut sich dann zunächst an der poetischen Antwort: »Reisen«,sagt Peter Vollbrecht, »reisen ist genau wie philosophieren: ein Aufbruch in ein unbekanntes Land. Reisen, das ist Hoffnung und Erwartung auf etwas Neues.«

Die nüchterne Antwort kreist um das Wort »Begegnung« – mit anderen Orten und Traditionen und natürlich auch untereinander: »Gerade in unserer me dial vermittelten Welt gibt es dieses Bedürfnis nach dem Gespräch und die Sehnsucht nach einer wirk lichen Begegnung«, sagt der Philosoph. Der Reader, den er zur Vorbereitung verschickt hat, ist 133 DIN A4-Seiten stark, und mit der Anzahl der Begeg nungen ist immer häufiger das Geständnis zu hö ren, diese nicht komplett durchgearbeitet zu haben. Das macht aber nichts, der Reader war nur zur Ein stimmung gedacht.

Als wir am frühen Abend gemeinsam zu einer geführten Wattwanderung aufbrechen, kreischen auf den Salzwiesen noch immer Küstenseeschwalben und Säbelschnäbler um die Wette, weil sie ihren im hohen Gras verborgenen Nachwuchs in Gefahr sehen. Dann stecken die Füße der Urlauber, die auf Langeneß grundsätzlich Badegäste genannt. werden, endlich im Watt. Von der im Programm erwähnten kontemplativen Stimmung ist nichts zu spüren: Alle unterhalten sich, belebt vom leichten Nieselregen und der willkommenen Pause. Judith vom World Wildlife Found verteilt Augenbinden, damit wir erle ben können, wie es wäre, wenn wir uns im dichten Nebel nach Gehör orientieren müssten.

126 Menschen leben auf Langeneß, und seit der Sturmflut von 1962 haben all ihre Häuser im ersten Stock ein Zimmer, in das sich Bewohner wie Besucher retten können. Es steht auf Stahlbetonpfeilern, die in den Grund der Hallig gerammt wurden. »Gebraucht haben wir den Raum noch nicht«, sagt Renate Boysen, die die heimatkundliche Sammlung im Kapitän-Tadsen-Museum betreut, »und das möchte ich ehrlich gesagt auch nicht erleben müssen.« Zwanzigmal Land unter im Jahr wären völlig aus reichend, da müsse nicht gleich die große Sturm flut kommen.

An normalen Tagen rollen auf der schmalen Straße nur die Leihräder. Auch am letzten Tag auf der Hal lig fällt die Fahrt gen Osten zum Lorenbahnhof leicht, doch auf dem zehn Kilometer langen Rück weg gen Fähranleger bremst wieder der Wind und verleitet dazu, die Zeit falsch einzuschätzen. Schon wieder geraten wir im Urlaub in Termindruck, doch wir sind um viele Erkenntnisse reicher und können uns zum Beispiel mit Thomas Mann trösten, der schon auf Seite zwölf des Readers zitiert wird: »Zeit, sagt man, ist Lethe; aber auch Fernluft ist so ein Trank, und sollte sie weniger gründlich wirken, so tut sie es dafür desto rascher.«

 

 

 

Philosophisches Forum

 
 

Peter Vollbrecht