Neue Züricher Zeitung, 9. Mai 2010

Nachdenken statt nur faulenzen und konsumieren
Griechenland ist die Wiege der Zivilisation.

Eine philosophische Reise zurück zu Platon

Von Birgit Weidt

«Jeder von uns ist ohne sein Zutun zur Welt gekommen und mit dem Leben belastet worden», doziert der bärtige Lehrer und streicht nachdenklich die Butter über sein geröstetes Brot. «Man gewöhnt sich daran», kontert die Brünette neben ihm und pellt ihr Frühstücksei. «Aber unvermeidlich kommen die Augenblicke», ergänzt Peter Vollbrecht, der das Gespräch am frühen Morgen flugs in die Gänge bringt, «in denen man sich fragt, was einen am Leben hält. Das sind die Augenblicke einer erneuten Geburt, dies aber aus freien Stücken!» - «Das hätte ich so nicht formulieren können, das ist ja druckreif», ruft die Brünette, fischt den Salzstreuer vom Nebentisch und fügt hinzu: «Wir müssen lernen, trotzdem zur Welt zu kommen.»

Dann beugt sich die Gruppe wieder über den Text der ausgeteilten Wissensmappen. Es geht um das «Höhlengleichnis» Platons: Wir Menschen sind zeitlebens wie in einer Höhle angekettet, sehen von den Dingen nur die Schatten, die die Sonne an die Wände schlägt und halten diese Schattenspiele aber unvermittelt für die wahre Welt. Platon versuchte mit seinem «Höhlengleichnis» aufzuzeigen, dass der Mensch immer wieder versuchen muss, die Fesseln der Wahrnehmung abzustreifen, um zur Wahrheit zu gelangen. «Sitzen wir nicht alle in der Höhle und haben zu viel Angst vor Erkenntnissen?», fragt der kräftige Mann neben der Brünetten. «So sehr wir uns auch bemühen, wir werden nie zur absoluten Wahrheit gelangen! Und trotzdem müssen wir den Weg dahin gehen!»

Das sind keine Höhlengespräche, es ist der Disput von Hobbyphilosophen. Die Sonne scheint auf die Hotelterrasse und trotz aufgeheizten Gesprächen schweifen die Blicke der Freizeit-Rhetoriker gelegentlich ab - hinüber zum glitzernden Meer, zu den bunten Fischerbooten, die vor der zerklüfteten Bergsilhouette hin und her schaukeln. Wie an jedem Tag auf dieser inspirierenden Reise, so beginnt auch dieser Morgen in Tolo, einem quirligen Touristenort an der Mittelmeerbucht der Argolis, mit einer leidenschaftlichen Diskussion - über Platons Ideenlehre, über seine Staatsphilosophie, über das Schöne, Eros und Ethik. Es sind anregende Gespräche, geführt vom Reiseleiter und Philosophen Peter Vollbrecht. Ihm geht es um mehr als nur theoretisch-abstrakte Überlegungen, es geht um Impulse für das eigene Leben, die sich aus den Dialogen entwickeln. Denn für Vollbrecht ist jeder nachdenkende Mensch in gewissem Sinne ein Philosoph: «Unsere Weltwahrnehmung geschieht ja immer aus einer bestimmten Perspektive heraus und verknüpft sich mit Reflexionen zu neuen Erkenntnissen, über die man sich austauschen möchte.»

Sich selber versteht Vollbrecht als «sachkundigen Lotsen, der gedanklich neue Routen entwirft». Die mehrstündigen Seminare werden also regelmässig durch kreative Pausen unterbrochen: Mit dem Bus geht es dann zu historischen Stätten des antiken Griechenland, so zum Beispiel nach Delphi, dessen Ausgrabungen auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes stehen. Wer je den spektakulären Ausblick genossen hat, der sich vom Tempelbezirk mit seinen vielen antiken Sehenswürdigkeiten bietet, wird nachempfinden können, dass die Griechen im Altertum Delphi für den Nabel der Welt hielten. Peter Vollbrecht erzählt von der Sage, nach welcher der Göttervater Zeus von entgegengesetzten Enden der Welt zwei Adler aussandte, die sich in Delphi trafen. Somit war für die Griechen ihr Mittelpunkt der Welt gefunden.

Geschwungene Strassen führen vorbei an heiligen Schatzhäusern, die einst zur Aufbewahrung von Weihgeschenken dienten. Weiter oben sieht man die Reste des Apollon-Tempels, früher Sitz des Orakels. Dieser imposante Bau beherbergte im antiken Griechenland eine goldene Apollon-Statue und einen Herd, dessen Flamme laut Überlieferung immer brannte. Am Tempeleingang waren philosophische Sprüche in Stein gemeisselt: «Erkenne dich selbst» oder «Nichts im Übermass». Eine andere Tour führt ins gut erhaltene Amphitheater von Epidauros, in dem es Platz für
13 000 Zuschauer gab. Die Akustik ist überwältigend - auf der obersten Sitzreihe kann man noch heute den Aufprall einer fallen gelassenen Münze klar hören.

Höhepunkt für alle ist die Reise nach Athen, in die Geburtsstadt Platons. Oben auf der Akropolis trägt Peter Vollbrecht bei Sonnenuntergang die Schriften verschiedener antiker Philosophen vor - die Gruppe lässt völlig entspannt die Gedanken nachwirken, diskutiert einige Passagen auf dem Weg in die Taverne, wo erst Tsatsiki, Souvlaki und Ouzo hermüssen, damit es wieder um weltliche Dinge geht, etwa um die Freuden eines guten Nachtmahls.

 

Philosophisches Forum

 
 

Peter Vollbrecht