Zu den Quellen des Ganges

Vortrag im Museum für Völkerkunde, Hamburg, Oktober 2008

Peter Vollbrecht

 

I.

Reisen, das ist eine Nahrung für die Seele. Eine vielstimmige Erwartung, dann der Aufbruch, in den man immer plötzlich hineinstolpert, meistens dann doch zur Unzeit, ja wirklich!, zwei, drei Tage hätte man schon noch benötigt, die Dinge zu Hause zu regeln. Und nun – unterwegs, zwischen Heimat und Ziel, auf langen antiseptischen Flughäfenfluren oder in dichtgepackten Eisenbahnwaggons, mit Erwartungen beschäftigt oder noch dem Text des gerade verlassenen Alltags anhängend. Irgendwo dazwischen, ein wahrer Augenblick, der schnell verweht.

Schließlich – ein Ankommen, ein Vertrauterwerden mit den Szenen auf den Straßen, man lässt entspannter sich nun treiben und sucht, selbstsicherer im Blick, die Augen der anderen. Das Dortsein beginnt. Eine andere Geräuschkulisse, zweifelhafte Gerüche, und dann vor allem die Gesichter, Landschaften fremder Biographien. Welches Leben spricht aus ihnen, welche Enttäuschungen haben sich in sie eingegraben, welche Hoffnungen und Erwartungen verbleiben? Versehrtes, geschundenes Leben, im Existenzkampf der Metropolen, anonym und mental erschöpft, mit Augen voll Trauer und Klage, oder manchmal nur in einer Dumpfheit, die sich noch nicht einmal mehr Sprache zu geben vermag. Dann das andere Ende, das junge Leben, mit neugierigen und doch ein wenig schüchternen Augen, das unverbrauchte Leben, das immer wieder nachwächst ganz gleich, welche Erfahrungen die Früheren getätigt, Vorfreuden aufs Leben gemischt mit Bangigkeiten, man möchte es beschützen, dieses kindliche anrührende Leben, hier ein Foto nur, archiviert zuhause, nie wieder wird man ihnen begegnen. Wie wird ihr Lebensbogen sein, wie ihre Glückbilanz? Der Fotoapparat ist ein Räuber von Augenblicken. Draußen nämlich spult der Film weiter, es verdampft der fotografierte Moment zu einem Nichts, zerrieben im Getümmel der Bazare, doch hier, beim Reisenden, brennen sich die Bilder tief in die Seele. Und wenn man sich der Sprache der Bilder nur ein wenig empfindsam überlässt, dann hinterlässt das wahre Reisen eine farbige, mitunter festliche, mitunter traurig-sentimentale Spur in uns. Von einer wahren Reise kommt niemand unverändert zurück. Aber was ist das, das ‚wahre‘ Reisen?

Die Sehnsucht nach dem wahren Reisen, sie hatte den kürzlich verstorbenen Ethnologen Claude Lévi-Strauss sein Leben lang beschäftigt. Für ihn war das wahre Reisen gleichbedeutend mit dem wahren Leben. Wäre es, so fragte er sich, nicht besser gewesen, vor Jahrhunderten durch das Stadttor von Lahore in Pakistan zu schreiten, damals, als noch kein Wissen bestand von jener fremden Kultur? Aber dann, so die andere Seite des Dilemmas, wäre man ja selber, weil so gänzlich unwissend, stummer Sprache gewesen angesichts der kulturellen Reichtümer, die zu bereisen man sich aufgemacht hatte. Entweder ein Wissen, das zu spät kommt, oder eine Begegnung, die sprachlos bleibt. Lévi-Strauss hatte die Größe, aus der Sehnsucht nach dem wahren Reisen eine große Literatur zu erschaffen.

Eine philosophische ZEIT-Reise greift nach anderen Sternen. Aber auch sie ist von ebendieser Sehnsucht nach dem wahren Reisen erfüllt. Und auch sie führt in Vergangenheiten, die zu uns sprechen in Stimmen der Gegenwart. Eine philosophische ZEIT-Reise stürzt allerdings nicht in das Dilemma, von dem Lévi-Strauss sprach. Der Ethnologe im Verständnis Lévi-Strauss‘ sucht nach der originalen Kultur, und in der Suche nach der idealen Reisezeit streift er durch Jahrhunderte und weiß sich und die Gegenwart stets auf der Verliererseite. Eine philosophische Reise ist nicht mit solcher Schwermut belastet, sie ist viel heller belichtet, denn sie sucht ganz einfach die beredte Begegnung, und zwar auf mindestens drei Ebenen: Begegnung mit kulturellen Traditionen am Erzählfaden philosophischer Ideengeschichte, Begegnung mit den gegenwärtigen Trägern solcher Traditionen, realisiert in besonderen Treffen vor Ort, und schließlich – drittens – die Begegnung der Reiseteilnehmer untereinander, also ein Zusammenspiel vielfältiger Biographien, die zueinander gelangen in einer Reisegruppe, und schlussendlich – alles das zusammenfassend – eine Selbstbegegnung, die das Eigene im Lichtkegel der Fremdbegegnungen anders sehen lässt. Dass dabei am Rande und doch allgegenwärtig Begegnungen im quirligen Bazar oder auf der staubigen Straße sich ereignen, brauche ich nicht eigens hervorzuheben, - wohl aber den Umstand, dass gerade diese scheinbar so alltägliche und unspektakuläre Weise, wie dem Reisenden die bereiste Welt auf dem Pelz rückt, die Empfindungen und das Gemüt keinesfalls weniger berühren als das philosophische Hauptmenü. Denn das macht das eigentliche Klima des Reisens aus, darin besteht das Dortsein, von dem der Ethnologe Clifford Geertz einmal sagte, es sei das Echtheitszertifikat jedes völkerkundlichen Berichtes.

II.

Was ich Ihnen gerade erzähle, ist in mir innerlich und für Sie äußerlich dort auf der Leinwand, bebildert mit Szenen und Erfahrungen meiner philosophischen Reisen nach Indien und Sri Lanka, Reisen, die eintauchen in die Welt von Hinduismus und Buddhismus. Aber das Konzept intellektueller wie persönlicher Begegnung, das hat eine nunmehr neunjährige Geschichte, denn vor neun Jahren habe ich erstmals eine philosophische Reise durchgeführt. Damals ging es in das Engadiner Bergdörfchen Sils Maria, wo der Philosoph Friedrich Nietzsche insgesamt sieben Sommer lang in einem dunkelgrün tapezierten Zimmer gehaust und geschrieben hatte. Worin bestanden damals die Begegnungen? Es waren Wanderungen zurück ins 19. Jahrhundert, Begegnungen mit einem Zeitgeist, der verunsichert war durch den Verlust religiöser Überzeugungen bei erfolgreich auftrumpfenden Wissenschaften, Begegnungen aber auch mit einer persönlichen Tragik im Fall Nietzsches. In den darauf folgenden Jahren führte ich mit vielen Gruppen – es mögen mittlerweile über fünfzig sein – die Streifzüge durch die europäische Landkarte des Geistes fort. Wir studierten Platon in Griechenland, bestaunten die naturphilosophischen Phantasien von den alten Mythen bis zur Quantentheorie auf den äolischen Vulkaninseln um den Stromboli, wir versammelten uns zum ‚Ortstermin Renaissance‘ in der Toskana, wir erinnerten uns der wichtigsten Strömungen des 20. Jahrhunderts in Davos, wir philosophierten über den Existenzialismus in Frankreich, wir entdeckten die islamische Aufklärung im maurischen Andalusien, wir erlebten ‚Land unter‘ beim Nachdenken über das Phänomen der Zeit auf einer Nordseehallig, wir lasen Kant im Original am Strand von Usedom, wir zogen uns hinter Klostermauern zurück um über ‚Vernunft, Wahrheit und Offenbarung‘ zu streiten, wir atmeten das idealistische Klima in Jena, Tübingen und Heidelberg, um zu Schiller, Fichte, Hölderlin und Hegel zu finden, und wir fuhren immer wieder in die Stammvilla Bacio in die Toskana zur Kunstphilosophie, zu Menschenbildern und zur Geschichte der Freiheit. Wir bereisten und bereisen die geistesgeschichtlichen Schätze Europas, und in den philosophischen Begegnungen begreifen wir, woher wir kommen und was wir sind. Natürlich trägt sich in jeder Diskussion über ein Thema immer auch Persönliches hinüber, es bleibt nicht nur bei der Sache, und das ist gut so. Denn schließlich wollen wir Philosophie erleben als die Philosophierenden, die wir sind, jeder für sich allein, und doch lebt jeder sein philosophierendes Ich aus im Konzert mit anderen, von ihnen inspiriert und mit eigenen Beiträgen die Gruppe bereichernd.

III.

Das zweifellos ambitionierteste Reiseprojekt aber ist die Reisetrilogie nach Südasien. Eigentlich, wenn ich es recht bedenke, fügt sie sich für mich zu einem Traum, und zwar zu keinem von den kleinen. Die nämlich unterbrechen nur den Fluss des Alltags. Große Träume dagegen umspannen ein ganzes Leben. Mit den kleinen Träumen wedeln wir uns immer wieder die Gewissheit zu, dass das Wirkliche nicht alles ist, was für uns zählt, ja dass wir verkümmern würden im Käfig der Realität, gäbe es nicht dann und wann einen Ausflug zu den Stränden des Möglichen. Große Träume aber, wenn wir sie verfolgen, selbst wenn wir sie letztlich nicht einlösen, große Träume verändern unser Leben. Die Reisetrilogie hat ein solches Potenzial. Denn originaler kann man buddhistische und hinduistische Philosophie einfach nicht studieren, schließlich sind es jeweils einheimische Lehrkräfte an sehr renommierten Instituten, die uns einführen in die Ideenwelt den Veden, der Upanishaden, des historischen Buddha und der sich dann auffächernden buddhistischen Schulen. Auf Sri Lanka studieren wir den Urbuddhismus, das sogenannten Theravada, am Department of Pali and Buddhist Studies der führenden Universität des Landes, Peradeniya in Kandy, dem spirituellen Zentrum der Insel. In den tibetischen Buddhismus führen uns dreitausend Kilometer nördlich davon die Mönche am Institute for Buddhist Dialectics ein, eine Institutsgründung des Dalai Lama im dessen Tempelkomplex in Dharamsala/Nordindien, wo das Oberhaupt der Tibeter heute residiert. Die alten Schriften der Veden und Upanishaden studieren wir an heiligem Orte, nämlich dort, wo der Ganges aus den Bergen tritt, geleitet von Lehrern des Ashram Parvi Niketan, eines Hindu-Zentrums direkt am Fluss. Doch die Philosophien Indiens sind nicht nur etwas für den Kopf, und so kann, wer mag – man muss aber nicht mögen! – so kann jeder sich das philosophische Kernprogramm jeweils mit Meditationskursen komplettieren bei Meditationsmeistern, die im übrigen weit weniger Sitzdisziplin vorschreiben als vergleichbare Zentren hier in Europa. Man ist im Kernland immer liberaler als in der Diaspora, das nimmt mir persönlich das Unbehagen vor schmerzendem Sitzfleisch. Und schließlich – neben Philosophie und Meditation – die dritte Säule all der Reisen nach Südasien: ein Kulturprogramm zu den großen historischen Stätten wie zu landschaftlichen Höhepunkten auf Sri Lanka und in Nordindien, - untouristisch, das will sagen: weniger Masse und mehr Muße, weniger auf Vollständigkeit achtend denn auf Zeit für das Dortsein. Frühmorgens etwa bei einer Tempelpooja in Ladakh, abends am Ganges beim fröhlichen Singen unter den Schülern des Ashram oder einfach bei einem Spaziergang entlang der Reisfelder im tieferen Himalaya.

Im kommenden Jahr (2009) wird die Reisetrilogie ihren Abschluss finden mit einer Reise an den heiligsten der Flüsse Indiens, an den Ganges, Mutter Indiens, und deswegen ist der Fluss auch weiblichen Geschlechtes. Der Mythologie zufolge hat Shiva die zerstörerischen Himmelswasser durch seine Haare fließen lassen und die Ganga sanft aus dem Himmel zur Erde gebracht. In den verzweigten Gangestälern im Himalaya ist alles ganz heilig. Hier wohnen die Götter, vor allem Shiva, - wenngleich auch die Anhänger Vishnus ihre Tempel haben. Die Hinduwelt, sie besteht vorwiegend aus Vishnuiten und Shivaiten. Wir bereisen also im dritten Teil des Indien-Projektes den Hinduismus, die älteste aller Hochreligionen der Welt. Ewig sei sie, ohne Anfang, kein Prophet, kein Patriarch habe sie gestiftet, sie stammt aus Urzeiten, und eigentlich – so die Überzeugung der Hindus – sind wir alle letztlich Hindus, denn der Hinduismus sei die umfassendste Religion, in der alle religiösen Ideale beschlossen seien, so sagte es Vivekananda einmal, ein Vertreter des sogenannten Neohinduismus, einer Strömung am Ende des 19. Jahrhunderts. Nun, da steckt eine gute Dosis Kulturchauvinismus drin, deshalb halten wir uns lieber an die Wirklichkeit, in die wir eintauchen, indem wir dem Strom der Pilger folgen, die alljährlich von Mai bis Oktober den Ganges die Yatra unternehmen, den Besuch einer oder gar der vier heiligsten Plätze Indiens an den Quellen des Flusses. In Rishikesh betritt man also den heiligsten aller indischen Böden, von Varanasi, dem alten Benares einmal abgesehen, das wir aber auch noch besuchen werden. Vegetarisch wird nun unsere Kost und auch auf dem Alkohol liegt ein Tabu, wohl dem, der eine Flasche Whisky in seinem Koffer versteckt hält. Aber man braucht sie eigentlich wirklich nicht, denn mit der neuen Umgebung verändern sich auch die Gelüste, der Tag kann gehen, ohne dass Johnny Walker kommen muss. Wie ein glitzerndes Geheimnis liegt der Ganges im Abendlicht vor den Badetreppen in Rishikesh und strahlt die Ruhe angehaltener Zeit aus. Und auch die Gesichter, denen wir heute begegnet sind, berühren uns tief mit ihrer unakademischen Intellektualität und mit ihren offenen Augen, weltwärts gewandt und doch nicht verstrickt in das Maskentheater, das in den Metropolen gespielt wird, sei es in Delhi oder in Hamburg. Wir sind „dort“, unser eigener Zeitrhythmus entschleunigt sich, wir entdecken eine Kultur der Langsamkeit, und jetzt, wo wir mittendrin sind im Aarti, eines allabendlichen Festivals vor den Toren unseres Ashrams, da hören wir dieselben Texte im Original, die wir tagsüber in deutscher Übersetzung gelesen und diskutiert haben, nun gesungen von gelbgekeideten Schülern eines der Ashrams. Es wird uns leicht ums Herz und wir sind dabei, ganz dabei, wie die Seele sich beschwingt im Klang einer sich besingenden Kultur, - denn der Hinduismus ist ansonsten eine erdige und mitunter auch schwerblütige Religion, in der die Dinge nicht so luftig sind wie bei den Buddhisten. Aber heute Abend, da ist alles so bezaubernd leicht, ja heute Abend, da könnte man wirklich meinen, die Welt ist gefugt aus einem glücklichen Sein.

Nachdem wir uns in einem Gummifloß den Ganges hinabtreiben haben lassen, wenden wir uns nun flussaufwärts und erreichen das kleine Städtchen Rudraprayag am Zusammenfluss von Bhagirati und Alaknanda, ab hier trägt der Ganges seinen Namen. Nach einer weiteren Tagesetappe erreichen wir eine seiner Quellen in Badrinath, ein Dorf auf 3100 Metern, wo das Tal von Siebentausendern verriegelt wird. Was uns hierhin treibt? Nun, unsere Himmelsfahrt führt uns zum Tempel, und von einem solchen Besuch möchte ich Ihnen nun erzählen. Nicht der in Badrinath, den ich im September mit Ihnen betreten möchte – Sie haben sich hoffentlich schon vormerken lassen! – sondern den in Kedarnath, aber Namen, das sind Schall und Rauch. Hier wie dort begegnen wir sehr illustren Gestalten, bisweilen eingerieben mit Asche, was ihnen einen recht sportlichen Anstrich gibt. Und mit dem Betreten des Tempelbezirks überschreiten wir auch die Grenze des Verstehbaren. Mit dem Verstehen hatten wir immer schon unsere Schwierigkeiten, seitdem wir den holy men, den sramanen, wie sie auf Sanskrit heißen, den heiligen Männern begegnet sind, wir haben gerätselt, was sich unter ihrer Schädeldecke verbirgt, aber wir waren eigentümlich angerührt von ihrer bedürfnislosen Freiheit, ja sie war es, die uns auch ein wenig beschämt hat in unserer westlichen besitzfülligen Welt, wir haben dieser Freiheit wirklich ins Gesicht geschaut und ihrem Eigentümer dann und wann ein paar Rupien in seine Blechbüche geworfen. Wir sind also eingestimmt auf das Nichtverstehen, doch das, was uns nun erwartet, das sprengt all unsere Vorstellungskraft. Ein enger Raum, vollgepfropft mit Pilgern, in der Mitte ein großer runder Stein, der mit einer etwa 2 Zentimeter dicken Fettschicht überzogen ist, darin eingeprägt unzählige kleine Shiva-Dreizack-Symbole. Ich trage meine Opferschale mit Bananen, Kokosfleisch, einem rotschillernden Bändchen und einigen Brocken Prasad, einer Götternahrung, vor mich hin, knie nieder und spreche die Formeln nach, die der Brahmane mir vorsagt. In mein Blickfeld geraten Männer und Frauen, die sich auf den Stein werfen und dort mit kreisenden Armbewegungen das Fett verschmieren. Bisweilen ergießt sich ein Strom Milch über Stein und Mensch, es ist ein Rufen und ein Klagen, ein Brabbeln und ein Deklamieren, es fliegen Opfergaben auf den Stein, herunter gewaschen von einem erneuten Strom Milch, deren Feuchte ich nun durch das Hosenknie spüre. Ich bin inmitten einer kollektiven Trance. Und in einer Höhle, denn schwarz sind die Tempelwände, ohne Fenster der Raum, die Luft schwach aufgequirlt durch vier winzige Ventilatoren in den Ecken, eine Höhle, ja, nicht so sehr in einer Höhe von 3600 Metern über dem Meer, unter dem Himmel und dem Gletscher nahe. Nein, eher kommt es mir wie ein Schacht nach innen vor, eine Grube zur abgründigen Seele, dorthin, wo ganz alte magische Praktiken sich vollziehen, es ist wie eine Reise in den Animismus, wo die Dinge noch selber lebten, eine Reise zurück zu einem Zustand vor der Entzauberung der Welt durch Verstand und Vernunft. Ich bin dem Ursprung nahe, sei es der des heiligen Flusses oder eines seelischen Geschehens, mir schwindelt ein wenig, doch ich bin ohne jede Angst, ich treibe im Geschehen, ich bin zeitlos, ich bin ortlos, ich bin schlichtweg überwältigt von den archaischen Kräften, die im Raume toben.

Kurz darauf sehe ich mich gezogen von meinem brahmanischen Seelenführer, er hat meine Hand ergriffen und zerrt mich an der Schlange der Wartenden vorbei, die mit entrückten Blick vor dem Eingang stehen, an der Schwelle von Wahn und Wirklichkeit. Draußen blendet mich das Licht und es ergeht mir wie dem platonischen Höhlenbewohner, mit dem Unterschied allerdings, dass ich nicht dessen philosophische Gewissheit teile, das Wahre sei im Lichten und der Irrtum in der Höhle. Ich setze mich auf einen Stein und atme tief durch: was war das gerade gewesen? Entgrenztes Ich, dionysische Extase, Begegnung mit dem Heiligen oder doch nur eine kollektive Hysterie? Als Antwort darauf fallen mir die Verse eines indischen Bhakti-Heiligen ein:

            Die schiere Tollheit ist des Bhaktas Stolz.
            Er rennt, springt, schreit, lacht und singt
            und läßt jedermann es miterleben.

  • Erst als ich Stunden später wieder ins Hotel zurückkehre, finde ich zurück in mein konventionelles Dasein. Abends liege ich auf meinem Bett, durch die Wände dringen Stimmen aus den benachbarten Zimmern der Pilgerherberge, wo vielköpfige Hindu-Familien den Wohnraum eines Doppelzimmers optimieren. Ein zweiter Höhepunkt der Reise, gewiss, hier im Ganges-Tal durch nichts weiteres mehr zu übertreffen, und so verlassen wir das Hochgebirge und fahren hinunter zu den sanften Bergketten der Toskana des Himalaya, dorthin, wo die Zeder zuhause ist. Im kleinen Städtchen Kausani genießen wir die Behaglichkeit eines luxeriösen Hotels. Von unserem Zimmerbalkon werfen wir einen Blick zurück auf die Wohnung der Götter, die sich hier auf diesem Foto leider verbirgt – es ist im Mai aufgenommen im Vormonsun, wenn die Sicht verschwimmt im Dunst des Tages – im Oktober sehen wir hier das Massiv des Nada Devi, eines 7800-Meter-Berges. Auf kürzeren Spaziergängen belüften wir unseren Geist und verarbeiten die Fülle der letzten Tage, den Ansturm der Bilder von außen und den Auftrieb der Gefühle von innen, wir müssen uns wieder in Balance bringen. Vielleicht helfen uns Gespräche, Gespräche darüber, was uns Mitteleuropäer im Wesen ausmacht, denn es hatte sich doch eine kleine Kernschmelze ereignet im Dunkel des Tempels und im Gewusel des Devotionalienbazars mit den aschenen Gestalten aus einer gänzlich fremden Welt. Eine philosophische Reise nach Indien gibt auch der Erfahrung eines Kulturschocks Raum, schließlich machen wir dabei eine ganz besondere kulturelle Selbsterfahrung. Zudem benötigen wir unser wiedergefundenes Gleichgewicht für die letzte Etappe unserer Reise, die uns mit dem Nachtzug nach Varanasi, dem alten Benares führen wird, eintausend Kilometer flußabwärts in einer Flußschleife gelegen, Stadt des Lichtes, dem Jerusalem der Hindus. Wir rudern frühmorgens auf dem Ganges, an den Badetreppen vorbei, Hindus nehmen ihr heiliges Bad und begießen sich mit dem Wasser der Mutter Indiens, die Stadt schwimmt auf dem gleißenden Morgenlicht und spiegelt sich im Wasser. Irdisches und himmlisches Benares, es gibt ein Benares in der Zeit und eines außerhalb der Zeit, und wem das zu spekulativ ist, dem sei gesagt: alle Pestwellen haben stets die Stadt verschont und sind wenige Kilometer davon vorbeigezogen. Letzter Höhepunkt der Reise, er bleibt unbebildert, und auch das, was ich Ihnen gezeigt habe, ist nichts gegen das, was durch Ihre Seele strömt nach 17 Tagen Indien, den Ganges entlang sind Sie gereist, und nun sitzen Sie in der Dämmerung am Strom, Lampions um Sie herum, und wieder stehen Sie an der Schwelle zwischen zwei Welten, denn morgen geht es zurück nach Delhi, und dann in einem sieben-Stunden-Sprung nach Deutschland. Und nun, wo sie dort am Ganges sitzen zur blauen Stunde, da erleben Sie noch einmal, wie endlos draußen Sie gerade sind in der Weite der

Welt, unter fremden Zelten und bei anderen Göttern. Ja, Sie sind dort gewesen.

 

 

Philosophisches Forum

 
 

Peter Vollbrecht